Das Leben mit einer Diagnose

Einige Monate, nachdem Alena die Therapie begann, hatte Herr V. das Wort selektiven Mutismus gesagt. Es war eigentlich gar kein Gespräch über die Diagnose, sondern er erwähnte das Wort nur im Zusammenhang mit ihrem Schweigen. Und eigentlich hatten sie auch später nie über die Diagnose gesprochen. Herr V. erklärte nie, was Mutismus war und Alena fragte auch nicht nach.
Das musste sie nicht.

Nach dieser Woche fuhr Alena am Wochenende nach Hause. Das war auf dieser Station so, dass man das Wochenende zu Hause verbrachte. Und dort durchforstete sie dann das Internet nach dem Wort Mutismus. Sie las alles, was es zu lesen gab. Sogar ein Forum gab es, wo Betroffene von ihrem Mutismus schrieben. Und bei jedem Satz dachte sie, ja, das bin ich. Alles passte genau. Jedes Wort.
Mutismus heißt das also. Mu – tis – mus. Komisches Wort.

An diesem Wochenende hatte Alena das erste Mal das Gefühl irgendwie „normal“ zu sein. Es gab einen Namen für das, was sie jahrelang schon tat, nämlich nicht sprechen können, obwohl sie es eigentlich doch konnte. Zum ersten Mal fühlte sie sich ein bisschen weniger verrückt.
Sie hatte sich die Probleme also nicht einfach nur ausgedacht und stellte sich nicht nur besonders schlimm an. Da gab’s wirklich eine Krankheit, bei der man nicht sprechen kann, obwohl man eine Stimme hat.  Alena hatte also ein echtes Problem mit Namen und sogar einem ICD-10 Schlüssel (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). Das war eine echte, richtige Krankheit.
Unzählige Steine plumpsten Alena von der Brust. Vielleicht war sie nun ein bisschen gerettet. Mit einer Diagnose. Einem Namen. Mit selektiven Mutisms.

Comments (2)

  1. 11:22, 16. März 2010hexenherz  / Reply

    das ging mir ganz genauso, als ich zum ersten mal (m)eine diagnose bekam… zu wissen, dass ich mich nicht bloß anstelle oder nicht genug zusammenreiße und dass es auch andere menschen gibt, denen es genauso geht. das war irgendwie sehr erleichternd.

    lieben gruß…

  2. 12:39, 18. März 2010Aruoka  / Reply

    Hmja…so geht es wohl vielen Menschen mit Diagnosen so. Fast schon Allgemein gehalten.
    Gerade in der Psychologie fragt man sich verdammt oft, was eigentlich los ist. Ob man nicht ganz einfach nur “Bekloppt” ist.
    Oder was passierte wenn man wirklich “Krank” im Abartigen Sinne wäre.
    So eine Diagnose und das damit auseinandersetzen können sehr helfen.
    Schöner Eintrag. :)
    Regards,
    Aruoka

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