Jahresrückblick 2009

Wenn es das Jahr anders machen könnte, würde ich ein Weltmeister im Sprechen sein wollen. Dann würde ich in einem Callcenter arbeiten und so viel telefonieren, bis ich heiser werden würde. Wenn es die Zeit zurück drehen und man Tote so lebendig machen könnte, dann würde ich mich im Fernsehen zum Affen machen. In einer Casting- oder Spielshow auftreten, tanzen, singen und Witze machen. Wenn ich ein Gesetz aufstellen könnte, dass nur alte Menschen sterben dürfen, dann würde ich als Politiker seitenlange Reden vor Millionen Menschen halten. Ich würde alles tun, was ich nicht kann, wenn er doch nur wieder lebendig werden würde…

Dieses Jahr war ein ordentliches Scheißjahr. Und mehr fällt mir dazu eigentlich nicht ein. Sicher gab es auch schöne Dinge. Es gab schöne Stunden, nette neue Menschen, gute Filme, berührende Musik, verschlingbare Bücher, tolle Ausflüge, gemütliche Abende und ganz viele andere Dinge – eigentlich alles – die ich mir früher immer gewünscht habe. Aber, dass ich in diesem Jahresrückblick irgendetwas Wunderbares schreiben kann, ist nicht.
Da war der Anfang. Dieser Berg beim Studium, den man dann doch irgendwie geschafft hat und dann waren da die Ferien, die man eigentlich nur zur persönlichen Wiederherstellung genutzt hat bis da wieder ein neuer Studiumsberg im März war.
Und dann ist im Juni etwas passiert, was einen völlig aus der Bahn wirft. Was das gesamte Leben komplett durcheinander bringt und man die ganze Zeit alles durch einen Schleier sieht und jeden Moment hofft, man wacht endlich aus diesem Albtraum auf. Weil es einfach nicht wahr sein kann, dass ein riesiges Standbein (der Weltbeste) urplötzlich nicht mehr da sein soll. Man hat ihn doch zwei Tage vorher noch gesehen und beim Tschüssagen bis in zwei Wochen gesagt. Und außerdem sterben Menschen doch erst wenn sie alt sind und man sich verabschiedet hat.
Dann waren da im Juli die Prüfungen, die man noch alle gut gemacht hat, weil es ja schließlich irgendwie weitergehen muss und dann war da der Absturz. Dann auf einmal, mit einem Schlag, weiß man nicht mehr wie man atmen, schlafen, essen soll. Dann schlägt das Herz wie verrückt und der Puls ist so schnell, als wäre man einen Marathon gelaufen, dabei sitzt man eigentlich den ganzen Tag. Die Hände zittern und innen drin ist es so, als würde alles schreien. Man hat das Gefühl nicht mehr weggehen zu können, ohne einen Fluchtweg zu haben. Ein Fenster, eine Tür. Einkaufen im Supermarkt und Autofahren wird zu Qual, weil man ganz plötzlich die Panik bekommt, man müsse sofort raus hier. Und zwar wirklich sofort. Und eigentlich weiß man auch gar nicht warum das alles so ist. Aber man weiß, den Körper kann man nicht austricksen.
Und dann braucht man erst wieder ungeheuere Kraft sich wieder herzustellen. Weil man doch gern ohne Übelkeit und Panik in den Supermarkt gehen und Essen kaufen möchte. Im August weiß man dann, wie sich das mit den Trauerphasen anfühlt und wünscht sich, man würde es nicht wissen. Dann beginnt man stumme Briefe an den Weltbesten zu schreiben und hat das Gefühl sich bald tot daran zu tippen. Im September ist man froh in den Urlaub fahren zu können. Da kann man wieder ein bisschen mehr atmen, ein bisschen besser essen und schlafen. Im Oktober versucht man wieder zurück zu kommen. Nimmt vom Studium eine Auszeit und sucht sich wieder ein bisschen Alltag. Irgendwann kann man dann das Haus wieder ohne eine Notfallwasserflasche verlassen und ohne Fluchtwege Gebäude betreten. Im November und Dezember sucht man sich einen Job und macht im Endeffekt das Verrückteste, was man als Mutist je gemacht hat. Und während man da so steht, stellt man sich den Weltbesten vor, wie er durch sein Himmelfenster auf einen herab schaut und den Mund vor Staunen nicht mehr schließen kann. Und dann ist das Jahr zu Ende und eigentlich war es ein richtiges Scheißjahr…

Ich danke allen Menschen, die in diesem Scheißjahr für mich da waren. Besonders – ach du weißt schon wem – für das Dasein, das Ohr, die vielen Taschentücher und die Wärme. Ich danke den Menschen, denen es ähnlich geht, weil sie jemanden verloren haben, für den Austausch und die E-Mails, denn dann ist man weniger allein. Und für die lieben, aufmunternden und tröstenden Worte. Ich danke allen, die dieses Jahr da waren und nicht weggegangen sind. Danke auch an meine Kommilitoninnen, die mich, ohne es zu wissen, zum Lachen gebracht haben und ein kleiner Grund waren, irgendwo hinzugehen.
Und ich danke wem auch immer, dass es den Weltbesten in meinem Leben gab…

Ich wünsche euch einen guten und netten Jahreswechsel und dass ihr ihn so verbringen könnt, wie ihr es euch wünscht. Und wenn nicht, dann wünsche ich euch die Kraft weiter zu hoffen, dass es irgendwann einmal so sein wird, weil – wie schon gesagt – immer alles irgendwann mal anders wird.
Auch wünsche ich euch ein gutes, glückliches, gesundes neues Jahr. Nein, irgendwie klingt das blöd. Denn das gibt’s gar nicht. Ein ganzes Jahr kann eigentlich nie nur gut sein.
Ich wünsche euch besser die Kraft die unguten Dinge eines Jahres gut zu überstehen und den Mut für Veränderungen, sofern man etwas verändern möchte.

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