Ich habe mir überlegt, dass es sicherlich ganz interessant sein könnte, Menschen über den Mutismus zu befragen. Ich dachte dabei an Betroffene, Familie, Freunde, Lehrer usw.
Vor einigen Tagen füllte ich einen Fragebogen von einer Studentin aus, die ihre Diplomarbeit über das Thema Mutismus schreibt. Und so habe ich ihr als meinen ersten Interviewpartner einige Fragen gestellt:
1. Was studierst du?
Ich studiere Diplom-Pädagogik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Dort ist es möglich, im Zuge dieses Studiums, durch Belegung verschiedener Seminare eine Zusatzqualifikation zum Sprachheilpädagogen zu erwerben. Somit habe ich auf mehreren Ebenen Berührungspunkte mit dieser Symptomatik, einmal im Rahmen des Pädagogik-Studiums an sich, durch die Wahl meiner zweiten Fachrichtung, der Pädagogik bei Verhaltensstörungen (mein Praktikum fürs Hauptstudium hab ich beispielsweise in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie absolviert) und zum anderen durch meine Zusatzqualifikation, der Sprachheilpädagogik.
2. Wie lautet das Thema deiner Diplomarbeit?
Das genaue Thema der Arbeit lautet “Mutismus im Jugendalter”. Im ersten Teil wird auf die Thematik des Mutismus im Allgemeinen eingegangen. Es werden die unterschiedlichen Definitionen dieser Störung dargelegt und die verschiedenen Erklärungsansätze, wie sie in der Literatur vorherrschend sind, erläutert. Im Weiteren handelt es sich um einen kurzen Umriss der Jugendphase an sich, was sind Probleme und Themen der Jugendlichen, wie sieht deren Umwelt aus und welches sind die Probleme mit denen sie sich in dieser Phase ihres Lebens konfrontiert sehen. Im Anschluss daran hätte ich gerne einen Fall von jugendlichem Mutismus in allen Facetten näher beleuchtet. Doch da ich die Betroffenen, die sich dazu bereit erklärt haben ein paar Fragen von mir zu beantworten alle diese “kritische” Phase bereits überwunden haben und schon älter sind, werde ich versuchen, rückwirkend Schlüsse zu ziehen inwiefern sich die Jugendphase bei jugendlichen Mutisten anders gestaltet, als bei Jugendlichen die nicht von dieser Störung betroffen sind.
3. Wie bist du darauf gekommen deine Diplomarbeit zum Thema Mutismus zu schreiben?
Wie bereits erwähnt, habe ich mein letztes Praktikum in der Kinder- und Jugendpsychiatrie absolviert. Dort gab es einen Fall, ein 17-jähriges Mädchen, welches das “Pervasive Refusal Syndrome” hatte. Eine Teilsymptomatik dieses Syndroms ist Mutismus, welcher sich bei ihr in der totalen Form äußerte. Ich verbrachte viel Zeit mit dieser Patientin, und trotz der fehlenden verbalen Kommunikation hatte ich das Gefühl, dass ich eine Beziehung zu ihr aufbauen konnte. Im Laufe des Praktikums waren immer wieder Fortschritte in jeglichem der Betroffenen Bereiche bei ihr zu erkennen, und nach einiger Zeit kommunizierten wir auch miteinander, wenn auch nicht über das Mittel der Sprache. Ich fand dies einfach auf der einen Seite so spannend und auf der anderen Seite so berührend, dass ich das Thema des Mutismus an sich gern in meiner Diplomarbeit bearbeiten wollte.
4. Was wusstest du zuvor schon von Mutismus? Hast du neue/interessante Erkenntnisse bei der Recherche bekommen?
Durch mein Studium und die Seminare in der Sprachheilpädagogik wusste ich schon einiges über das Störungsbild des Mutismus. Doch es wurde nicht so ausführlich behandelt wie dies im Zuge einer Diplomarbeit geschieht. Man bekommt beim Bearbeiten eines solchen Themas immer noch weitere Einblicke, man beschäftigt sich ja über einen langen Zeitraum mit einer Thematik und entwickelt einen anderen Blick für Dinge. Auch gerade durch die Berichte von Betroffenen erhält man einen Einblick, den man durch ein Seminar an der Uni so gar nicht bekommen hätte. Gerade diese Berichte fand ich sehr berührend und interessant.
5. Magst du nach deinem Studium mit Mutisten arbeiten?
Ich kann mir sehr gut vorstellen, später auch mit Menschen, welche vom Mutismus betroffen sind, zu arbeiten. Mit Sicherheit ist dies nicht immer einfach, erfordert viel Geduld und Einfühlungsvermögen und man muss an jeden Fall ganz individuell herangehen und herausfinden, welche Möglichkeiten zu einer Förderung und Therapie sich gestalten und anbieten. Wohin mich mein Weg tatsächlich führen wird, weiss ich noch nicht, aber falls sich mir die Möglichkeit bietet mit mutistischen Menschen arbeiten zu können, werde ich mich gerne dieser Herausforderung stellen und versuchen einen Weg zu finden, ihnen ein Stück weit behilflich zu sein damit sie den Mutismus überwinden können.
Vielen Dank an Caroline.
15:11, 14. November 2009Jupitermond /
Bin hier zufällig vorbeigestolpert. Kannte die Krankheit gar nicht – bis eben. Man darf nicht vergessen, dass das Sprechen generell bei den Menschen mit Ängsten besetzt ist, auch bei denen, die ganz normal sind. Z.B. habe ich mal Untersuchung gelesen, dass für sehr viele Menschen (weiß nicht mehr wie viele, vielleicht 70 oder 80%), die schlimmste Angstvorstellung überhaupt ist, eine Rede halten zu müssen. Warum? Die Angst, “Dummes” zu sagen bzw. überhaupt die Angst negativ beurteilt zu werden. Denn so sehr die Menschen nach Anerkennung streben und dafür im Grunde mehr leben als für alles andere, so sehr haben sie ständig Angst vor Beurteilung oder gar Verachtung. Im “Tagesbetrieb” spürt man die Ängst nicht so stark, im Verborgenen läuft aber so eine kleine feine Angstspur bei jeder menschlichen Begegnung mit. Nur sehr wenige Menschen sind so vollgepumpt mit Selbstvertrauen, dass sie diese Ängste nur ansatzweise kennen, z.B. in Bezug auf besondere Situationen wie “Rede halten” oder “Bewerbungsgespräch”. Mir scheint bei Mutisten ist diese normale Angst so vorherrschend, dass sie kaum noch ein Wort hervorbringen können. Generell glaube ich, dass Menschen ihre enormen Ängste, die sie voreinander haben, nur “entzaubern” können, wenn sie das Visier fallen lassen und sich einfach begegnen, indem sie immer als erstes ihre Ängste oder sonstigen Fehler “anmelden”. “Guten Tag, ich bin Jeff. Ich habe Angst dass die Leute mich nicht mögen.” “Ah, hallo Jeff, ich bin Gerd, ich denke immer, die anderen kriegen alles im Leben geregelt und ich nichts.” Open Access zu den Herzen – das wäre mal eine spannende Party ;)
Ich selbst war in meiner Jugend auch ziemlich “schüchtern” und habe mich jahrelang nur geäußert, wenn ich vorher 5 Minuten lang im Kopf nahezu auswendig gelernt hatte, was ich sagen wollte. Da war so eine Angst, mich könnten die Worte verlassen, sobald ich irgendwie das Wort ergreifen würde. Das ist aber mit der Zeit verschwunden. Heute weiß ich, dass es zu 99% egal ist, was man sich zusammenfaselt. Man redet halt irgendetwas. Es dient allerdings der Kontaktaufnahme. Wenn zum Anblicken nicht irgendwann das Ansprechen hinzukommt, werden die Menschen ja nicht miteinander “bekannt”…
Na ja, bescheidene Anregungen für den Blog vielleicht, weil es mich interessieren würde: a) Wenn du schreibst, dann kannst du doch sozusagen innerlich sprechen? b) Kannst du eigentlich, wenn kein Mensch in der Nähe ist, Selbstgespräche führen oder mit Tieren reden, sagen wir mit einem Hund spazieren gehen und dann mit ihm über das Wetter reden?
Viel Glück.
17:23, 14. November 2009Sab /
Ja, das stimmt. Beim Thema Sprechen tritt Angst wohl oft auf. Angst, wenn man neue Leute kennenlernt, bei mündlichen Prüfungen, Bewerbungsgesprächen wie du schon sagtest und und und. Ich glaube kaum, dass es jemanden gibt, der diese Angst nicht kennt. Nur die meisten Menschen stehen das schon irgendwie durch oder es ist nicht ganz so schlimm.
Beim Mutismus ist das so, dass es einem schon an der Fleischertheke im Supermarkt so geht. Oder in anderen Alltagssituationen, die für jeden selbstverständlich sind.
Ich habe schon oft darüber nachgedacht, was eigentlich der Unterschied zwischen Mutismus und einer sozialen Phobie ist, weil es ja irgendwie ähnlich ist. Und ich glaube der einzige Unterschied ist wirklich das Schweigen. Mutisten haben keine “Hemmungen” wirklich absolut kein Wort zu sagen. Ich habe schon mit Menschen zu tun gehabt, die an einer sozialen Phobie litten. Die beschrieben das eigentlich genau so, wie es in mir aussieht. Nur im Endeffekt quälen sie sich dann doch Worte aus dem Mund, während bei mir immer alles “eingefroren” war. Deswegen bin ich mir nicht sicher, ob beim Mutismus die Angst eine so große Rolle spielt. Denn ich hatte absolut keine Probleme damit angestarrt zu werden, wenn ich schwieg. Es ist mir eigentlich relativ “egal”, was die Menschen über mich denken. Ich glaube bei Sozialphobikern ist das ein bisschen anders. Da spielt die Bewertung eine größere Rolle. Irgendwas ist da noch bei dem Mutismus….
Das wäre mal, eine gute Idee, wenn jeder zu Beginn seine “Probleme” vorstellt ;) Dann würde man sich vielleicht nicht selbst immer wie ein Außerirdischer fühlen…
Danke für die Anregungen :) Das sind zwei interessante Fragen. Nur bin ich mir nicht sicher, ob ich die erste richtig verstanden habe. Wie meinst du das mit dem innerlich Sprechen? Ob mir die Worte generell fehlen? Oder ob ich in Situationen, in denen ich schweige, “innerlich spreche”? Sprich, ob ich “mitdenke”?
Ich werde darüber nachdenken und die Fragen vielleicht in einem extra Eintrag beantworten.
Danke. Und danke überhaupt für den langen, ausführlichen Kommentar und deine Gedanken. Hab’ mich sehr darüber gefreut.
Liebe Grüße
18:10, 14. November 2009Jupitermond /
“Wie meinst du das mit dem innerlich Sprechen?”
Ich meinte das so, wie du jetzt eine Frage an mich richtest. Du redest ja – nur eben nicht hörbar. Ohne Stimme. Aber in dir ist die Sprache da und auch das Sprechen. Du antwortest mir und du fragst mich zurück. Was mich auf ein anderes Thema bringt: chatten. Da sprechen die Leute ja auch, ohne dass sie die Stimme benutzen müssen. Also vielleicht ist “chatten” noch ein Thema für den Blog? Vielleicht hast du einfach einen Schrecken vor deiner eigenen Stimme? Kannst du problemlos mit einem Kopfnicken oder einem Kopfschütteln antworten, wenn dir jemand eine Ja-Nein-Frage stellt? Kannst du, wenn allein, für dich ein Lied summen oder singen? Und was empfindest du, wenn du anderen bei einem Gespräch zuhörst? Fragen über Fragen. Entschuldige meine Neugier. Nimm dir die, die du brauchen kannst ;)
12:44, 18. November 2009Sab /
Die ersten beiden Fragen habe ich in einem extra Eintrag beantwortet. Und die anderen Fragen waren auch schon teilweise Ideen für weitere Themen. Also mal sehen, ob ich darüber schreibe oder in Form einer Antwort. Ansonsten, kein Problem, du kannst gern weiterhin fragen, wenn dir was einfällt ;)