Essen

Essen ist, wenn man Mutismus hat, schrecklich kompliziert.
Alena hasste es, weil in der Klinik die Mahlzeiten zusammen im Gruppenraum eingenommen wurden. An einem großen Tisch. Und das Problem war, dass es nur wenige Schüsseln gab. So standen die Kartoffeln einmal am Tischende, das Gemüse in der Mitte und die Soße vielleicht am anderen Ende.
Als Mutist kann man nicht über den Tisch rufen „ich hätte gern mal die Kartoffeln.“ Und deswegen war das Essen kompliziert. Für Alena alles eine strategische Organisation. Das musste alles genau geplant werden.
Alena ging immer rechtzeitig zum Gruppenraum. Manchmal konnte sie dann dem Küchendienst helfen, den Tisch zu decken. Dann war alles weniger schlimm, weil sie das Essen so hinstellen konnte, dass sie überall ran kam und nicht rufen brauchte. Manchmal ging das nicht. Aber dann musste das Hinsetzten geplant werden. Dann musste Alena am besten so sitzen, dass sie an die Sachen kam, die sie auch aß. Kartoffeln mochte sie nicht so sehr. Das war okay, wenn die mal weiter weg standen. Wenn jemand fragte, warum sie keine Kartoffeln aß, konnte sie sagen, dass sie Kartoffeln nicht so gern mag. Die Wahrheit würde niemanden interessieren. Problematisch war das bei Dingen, die sie mochte.
Manchmal redete sie mit den Patienten, wenn sie allein waren. Da ging das Sprechen schon immer besser. Und was war, wenn sie irgendwann mal erzählt hatte, dass sie Rosenkohl eigentlich ganz gern mochte und dann stand der Rosenkohl völlig unerreichbar auf dem Tisch? Dann wär’s peinlich gewesen.
„Och, heute mag ich den Rosenkohl nicht mehr“, wäre eine völlig blödsinnige Antwort gewesen.
Manchmal hatte Alena Glück und da wurden die Schüsseln einfach durchgegeben. Dann war alles in Ordnung. Und manchmal saß ein Patient neben ihr, mit dem sie besser sprechen konnte. Dann konnte sie fragen, vorausgesetzt er oder sie kam ran. Und manchmal ging auch alles schief. Dann aß sie gar nichts.
„Ich habe keinen Hunger“, hatte sie dann auf Fragen geantwortet und wieder interessierte sich niemand für die Wahrheit. Weil es in Ordnung war mal keinen Hunger zu haben. Sie war ja schließlich nicht wegen einer Essstörung da. Dann wäre es nicht mehr so in Ordnung gewesen.
Problem aber war, wenn sie sagte, dass sie keinen Hunger hatte, konnte man da nicht mehr zurück. Und zu sagen „ach, jetzt hab’ ich doch ganz plötzlich Hunger bekommen“ nur weil  die Nudeln zufällig erreichbar waren, wäre völliger Blödsinn gewesen. Deshalb saß Alena dann meistens da, mit knurrendem Magen, an einem Tisch mit Essen. Schön war das. Ganz toll. Völlig festgefahren und ausweglos. Fertig mit der Welt. Weil man als Mutist noch nicht einmal vernünftig essen konnte!

Comments (6)

  1. 12:08, 25. Februar 2010Aruoka  / Reply

    Hm…
    Es ist schwierig zu Unterscheiden, ob man Mutistische Anlagen hat, oder ob man es schon als Krankheit bezeichnen müsste.
    Ich für mich empfinde das Fragen nach Dingen die manchen Selbstverständlichkeiten darfstellen auch als möglich störend, weshalb man manchmal das Fragen halt unterlässt.
    Lässt es sich damit vergleichen / gleichsetzen?

  2. 13:25, 25. Februar 2010Parpar  / Reply

    Es ist ein Wahnsinn das was für einen selbst alltäglich und normal ist für einen Mutisten (heißt das so?) so schwer sein kann und so eine Überwindung kostet…

    Aber schlimm ist es, das bei euch trotzdem keiner drauf geachtet hat. Man müsst ja meinen in einer Klinik wissen die wie schwer das für Mutisten ist…

    Irgendwie schon traurig wie wenig gespür die da hatten…

  3. 16:00, 25. Februar 2010Sab  / Reply

    @ Aruoka: Naja, ich glaube gewisse Hemmungen kennt jeder und gehören auch irgendwie dazu. Sicherlich ist es manchmal nicht so leicht nach bestimmten Dingen zu fragen, weshalb man es dann lässt, weil es vielleicht auch in dem Moment nicht ganz so wichtig ist. Aber ich würde das nicht als Krankheit bezeichnen. Krank finde ich das erst, wenn die Hemmungen einen so großen Stellenwert bekommen, sodass gar nichts mehr geht…
    Vergleichen lässt sich das sicherlich, aber für Mutismus ist es typisch, dass man schweigt. Also kein einziges Wort sagt, wenn man angesprochen wird. Und man schweigt, weil man blockiert oder gehemmt ist. Aber was gefühlsmäßig in einem vorgeht, lässt sich sicherlich gut mit deiner Situation vergleichen.

    @ Parpar: Naja, das Problem war, dass es nicht offensichtlich war. Ich glaube, ich war einer der wenigen und ersten Patienten mit Mutismus dort und die wussten einfach nicht, wie sehr das den Alltag beeinflussen kann. Ich glaube, man kann sich das nur schwer vorstellen in welchen Situationen man ganz normal spricht und wie es ist, wenn man nicht sprechen kann…

  4. 12:13, 28. Februar 2010phasesoflife  / Reply

    Wenn ich das richtig verstanden habe, dann schreibst du Geschichten, die du selbst erlebt hast, aus Sicht einer dritten Person!?

    Ist ja wirklich schwierig mit dem Essen :/ Aber vielleicht hätte eine Regel eingeführt werden müssen, wie das mit dem Schüssel-Rumreichen, wenn es anders nur so schwer möglich war, ans Essen zu gelangen.

    Liebe Grüße

  5. 12:28, 28. Februar 2010Sab  / Reply

    @ phasesoflife: Ja, teilweise schreibe ich über mich. Manchmal habe ich die Situationen so oder so ähnlich erlebt und manchmal ist ein Teil aber auch ausgedacht, weil es passieren kann oder konnte.
    Aber die Schwierigkeit an sich mit dem Essen hatte ich so, wie im Artikel.

    Ja, vielleicht hätte eine Regel geholfen. Problem aber war, dass oft niemand wusste, was in mir vorgeht, da ich es ja nicht sagen und erklären konnte…

  6. 13:57, 20. September 2011Diana  / Reply

    Exakt. Genauso war es bei mir anfangs in der Psychiatrie auch. Ich sagte, dass ich keinen Hunger habe, obwohl ich doch wollte.

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