Die Geburtstagsparty

Es war Alenas Geburtstag. Zwölf wurde sie und sie hatte einige Mädchen aus ihrer Klasse eingeladen. Und eigentlich freute sie sich auf ihre Geburtstagsfeier, denn zu Hause konnte sie endlich mal so sein, wie sie wirklich war. Jedenfalls fiel dort das Sprechen sehr viel leichter als in der Schule.
Alle Mädchen, die sie eingeladen hatte kamen. Es gab Kuchen, Pizza, Chips, Gummibärchen und Cola. Sie durfte in dem großen Wohnzimmer feiern, weil Alenas Kinderzimmer viel zu klein war.
Erst wollten sie alle raus. Christina wollte eine Freundin, die im gleichen Ort wohnte besuchen, weil sie sich doch so lange nicht mehr gesehen hatten. Und die anderen fanden die Idee super. Gut, überstimmt, also alle raus und zu einer wildfremden Person an Alenas Geburtstag.

Wieder zurück. In Alenas Zimmer. Weil alle ihr Zimmer sehen wollten.
Jeder suchte irgendwas. Im Bücherregal, im CD-Regal und auf dem Schreibtisch. Und alles, was sie fanden war auf einmal so schrecklich lustig. Das alte zerzauste Schaf, was Alena seit dem Tag ihrer Geburt hatte, flog durch das Zimmer, ihre Lieblingsmusik war mit einem Mal auch furchtbar lustig und wurde von allen albern nachgeäfft, obwohl sie sie eigentlich selbst auch hörten und die Stifte auf dem Schreibtisch waren albern und die Bücher im Regal sowieso. Irgendwann war das Abendessen auch lustig und ein Kindergartenessen, das Besteck, die Teller und die Gläser waren uncool und das ganze Haus sowieso.
Kurzum, alle amüsierten sich prächtig über Alena und ihr Leben.
Und wahrscheinlich waren sie deshalb auch hier. Damit sie sich in der Schule nur noch mehr über Alena lustig machen konnten.
GEHT WEG!!!, hätte sie am liebsten geschrien und hätte alle samt ihrer Geschenke hinausgeworfen. Und die Jacken, Schuhe, Schals und Handschuhe hinterher und dann hätten sie blöd guckend im Schnee gestanden. In der Kälte.
Aber das traute sie sich nicht. Nicht, weil sie zu Hause nicht schreien konnte. Wie hätte sie es denn ihren Eltern erklären sollen, dass sie gerade ihre Geburtstaggäste raus geworfen hätte? Und wie wäre es nach diesem Tag in der Schule gewesen? Sicherlich noch schlimmer als den Rest dieses Abends noch ertragen zu müssen.

Am späten Abend weinte sie sich in den Schlaf. Es war ihre letzte Geburtstagfeier. Erstmal, jedenfalls.

Cut.


Und wenn ich am nächsten Morgen nicht mehr aufwache, dann soll es so sein, dachte Alena und Tränen tropften auf das Kissen. Vielleicht habe ich Glück und werde keine 18 Jahre mehr alt.
Langsam hatte sie keine Kraft gegen die schweren Augenlider, die zufallen wollten, anzukämpfen und schlief ein.
Es war 20 Uhr. Sie war gerade erst nach Hause gekommen und hatte sich sofort in ihr Zimmer verkrümelt. Sie hatte die Musik aufgedreht und die kleine Holzkiste aus der Schublade unter den Socken hervorgeholt. In der Kiste lagen Taschentücher, Raiserklingen und ganz viele kleine, bunte Tabletten. Alena hatte sie nach und nach gesammelt, die Tabletten. Aus dem Medizinschrank. Schlaftabletten, Beruhigungstabletten – und Tabletten, die man als gesunder Mensch eigentlich nicht nehmen sollte.
Sie nahm die Tabletten alle.
Sie hatte sich keine Gedanken gemacht, was danach mit ihr passieren könnte und ob das so überhaupt funktioniert oder ob sie am Ende Folgen davon tragen würde. Sie wollte nur schlafen. Ganz tief schlafen und dabei sollte das Herz einfach aufhören zu schlagen. Und wenn es in dieser Nacht eben passierte, dann war es so.
Die Musik lief. Dauerschleife. „Oh girl we are the same. We are young and lost and so afraid. There´s no cure for the pain, no shelter from the rain. All our prayers seem to fail…

Der Wecker klingelte. Und klingelte.
Alena’s Augenlider zuckten. Langsam bewegte sie sich und öffnete die Augen.
Scheiße bin ich müde, murmelte sie.
Und scheiße, ich atme noch.
Nur langsam konnte sie aufstehen. Ihr Kopf brummte, als wären zig Autos drüber gefahren.
Duschen. Erstmal duschen, dachte sie.
Und dazu brauchte sie ewig lange, sodass sie sich beeilen musste, um es noch pünktlich zur Schule zu schaffen. Ihre Familie gratulierte ihr, sie bekam Umschläge und machte sich schnell auf den Weg.

Am Nachmittag schlurfte sie die Wendeltreppe zur Station hinauf. Sie mussten jeden Tag zur Klinik, da sie noch tagesklinisch war. Auch an ihrem Geburtstag.
Irgendwas war komisch, als sie gerade eben an der Tür geklingelt und sich durch die Sprechanlage gemeldet hatte.
Und auf einmal hörte sie Stühlerücken.
Die haben doch Übergabe um diese Zeit, dachte sie.
Dann hörte sie auch noch die Stationstür. Mittlerweile war Alena schon sieben Monate hier, sodass sie die verschiedenen Türen sehr gut durch ihren Klang beim Öffnen unterscheiden konnte.
Und plötzlich standen sie alle da. Alle. Die kompletten Patienten, Therapeuten und Betreuer von der Früh- und von der Spätschicht. Und auch Therapeuten, mit denen sie eigentlich nicht viel zu tun hatte.
Herr V. stand vorn und fing nun auch noch an zu zählen.
Eins. Zwei. Drei.
Happy Birthday to you…
Sie sangen Happy Birthday.
Ich glaub’ ich spinn’, dachte Alena.
Ist das verrückt.
Sie singen. Sie singen alle Happy Birthday nur für mich.
Das hat noch nie jemand getan. Nagut, im Kindergarten. Aber das zählt nicht, weil man das tun musste.
Sie sangen zu Ende.
Herr V. kam auf sie zu. Er gab ihr die Hand und gratulierte und konnte nicht aufhören Alena anzugrinsen. Er spürte, wie überwältigt sie war. Und sie kämpfte mit den Tränen.
Die Menge löste sich auf und die Patienten kamen auf sie zu gestürmt.
Alena wurde umarmt und gedrückt. Hier und da.
Ich glaube, ich spinne, dachte sie wieder.
Es gab Kakao und Kuchen.
Mit 18 Kerzen obendrauf.
Ich muss einfach spinnen, dachte sie.
Sie hatte schon einige Geburtstage auf der Station miterlebt. In den sieben Monaten. Und Kuchen gab es immer. Er wurde von der Nachtschicht gebacken. Aber die Sache mit dem Lied, dass alle auf dem Flur versammelt waren und sangen, das gab es noch nie…
Und Alena atmete, sie atmete und lebte noch immer.
Zum Glück.

Cut.


20 Jahre. Alena hatte einige Freunde eingeladen. Ihre beste Freundin, die sie in der Klinik kennengelernt hatte und ihre beste Freundin, die mit ihr zur Schule ging. Beide brachten ihre Freunde mit. Ihre Freundin, die sie über das Internet kennengelernt hatte, war auch da. Und natürlich ihr Freund. Ja, ihr Freund.
Es gab Pizza und selbstgemachte Cocktails.
Es wurde gesagt, wie lecker die Pizza sei und nach dem Rezept für den Teig gefragt. Weil Pizzen eben doch nicht immer lustig sind.
Aber Cocktails sind es. Und deswegen war der ganze Abend auch lustig. Mit Alena und nicht ohne Alena.
Es gab Musik, lustige Kartenspiele und Witze. Und es wurden Tränen gelacht.
A Happy Birthday.

7 Antworten zu “Die Geburtstagsparty”

  1. Parpar writes:

    Ich hab wirklich Tränen in den Augen.
    Beim 18. Geurtstag. Weil es sich alles zum guten gewendet hat. Das Alena nicht an den Tabletten gestorben ist. Damit sie das erleben kann.
    Und wie ich mich freue, das sie mit 20 auch einen schönen Geburtstag hat. Das sie wahre Freunde hat, nicht so wie beim 12. Geburtstag. Kinder können grausam sein….

    Aber schön wie sich alles zum guten gewendet hat… Und das sie wieder auf ihrem Geburtstag lachen kann.. :)

  2. Blade writes:

    Du schreibst so wundervoll, dass man eigentlich nur mitfühlen kann. Und so kommt es, dass du auch bei mir an diesem Morgen Tränen hervorgelockt hast. Wie gerne hätte ich Alena geholfen und diese 12jährigen Gören nach Hause geschickt. Und wie gerne hätte ich am 18.Geburtstag Mäuschen gespielt. An dem Geburtstag, an dem sich langsam alles zum Guten gewendet hat und Alenas neues Leben begonnen hat.

    Danke dass du diese Geschichte mit uns teilst und so vielen Menschen dort draußen etwas Wunderbares gibt: Hoffnung.

    Happy Birthday, Alena!

  3. menschen.kostuem writes:

    Hallo :)
    Ich war gestern schon hier,hatte aber wenig Zeit zu schreiben..
    Hmm.ich muss ganz ehrlich sagen,dass ich zuvor noch nie! von deiner Krankheit gehört habe…aber ich finde es so interessant..
    Und die Hintergründe..
    Viele denken so schweigende Menschen wären einfach “nur” schüchtern,dabei kann da so viel mehr hinter stecken..
    Hast du heute Geburtstag oder hattest du gestern Geburtstag?
    egal wann, alles Liebe :)

    menschen.kostuem

  4. sara writes:

    Happy Birthday, auch wenn ich nicht genau weiß, wann du Geburtstag hattest. Ich freu’ mich, dass sich für Alena alles zum guten gewendet hat.

  5. Sab writes:

    Danke. Euere Kommentare berühren…

    @ menschen.kostuem: Willkommen im Blog. Du sagst es. Und oft wird man dafür gleich verurteilt, weil man etwas stiller ist….

    @ menschen.kostuem und sara: Ja, gestern ;) Danke.

  6. Xtr3m0 writes:

    Eine wirklich tolle Geschichte. Wie schon gesagt wurde, da kann man einfach nur mitfühlen. Du schreibst echt toll. :)
    Und nachträglich noch alles alles Gute zu deinem Geburtstag!

  7. Sab writes:

    @ Xtr3m0: Danke :)

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