Gestern war das Schlichtungsverfahren und zusammenfassend war es mehr lustig als alles andere und besser als Fernsehen. Es fing damit an, dass wir (HERZMENSCH und ich) im Hof des Ortes standen, an dem der Termin statt fand. Der Nachbar lief schon an uns vorbei, ging die Gebäude mit Hemd und brauner Aktentasche ab, weil er den richtigen Eingang suchte, während der Anwalt geradewegs auf uns zu kam. Er zeigte mit dem Finger auf den Nachbarn, obwohl zig andere Menschen im Hof waren und schaute fragend und grinsend locker. Wir beide nickten. Als er uns begrüßte sagte er, dass er ihn sich genau so vorgestellt habe. Er ist über 70 und sieht eben auch so aus, als würde er Menschen anzeigen.
Drin. Begrüßung. Dem Schiedsmensch die Hand schütteln, Personalausweis zeigen und los gehts. Nachbar trägt vor, danach bin ich dran. Ich streite ab, dass ich jede Nacht von 0:30 Uhr bis morgens Stimmgewirr mache und beantworte die Frage vom Schiedsmensch, ob ich Lärm höre mit nein. Und schon bald beschimpft mich der Nachbar als Lügner und wird laut. Anwalt schreitet ein und sagt ihm, dass es rechtliche Konsequenzen für ihn haben wird, wenn er das weiter macht. Nachbar sagt, machen Sie doch. Und schreit weiter. Anwalt spricht die Vormieterin an, weil sie auch einen Brief vom Nachbar wegen nächtlicher Ruhestörung bekommen hat, aber Nachbar streitet es laut ab. Nein habe ich nicht! Anwalt sagt, Herr Nachbar, ich habe den Brief in der Tasche. Nachbar, nein habe er nicht. Schreiend natürlich. Anwalt holt Brief aus seiner, im Vergleich zu Nachbars Aktentasche, schäbig aussehende Tasche raus und zeigt Nachbar seine Unterschrift, damit er sich wieder erinnern kann. Doch hat er! Nachbar fragt wieder schreiend, wo er den Brief her habe und stellt seine Verschwörungstheorie weiter vor: Die Vermieter wollen, dass er früher ins Grab kommt. Er hatte einen Herzinfarkt und 4 Bypässe und nun machen ihm die Vermieter Ärger, damit er weg ist. Weil sie mich und die Vormieterin ja dazu angestiftet haben. Und dann konspiriere ich ja auch noch mit anderen Nachbarn. Ich zitiere. “Mit einer Frau aus der DDR, ihrem Kind und einem Ausländer”, die in einer Wohnung wohnen. Lustig war auch, dass die Vermieterin wohl schonmal mit ihm Kontakt mit einem Anwalt hatte, mit dem mein Anwalt eine Bürogemeinschaft führt. Deswegen hat mich die Vermieterin natürlich da hin geschickt und ich war überhaupt nicht bei der Rechtsberatung in der Hochschule. Nachbar fragte also, wie ich zum Anwalt gekommen bin und dieser antwortete mit dem Auto oder mit dem Bus und ab da war’s dann vorbei mit ernst in dieser Situation. Der Schiedsmensch versuchte inzwischen die Lärmursache zu finden und fragte nach. Ich mache keinen Lärm. Nachbar, sie lügt. Auch ist er der Meinung, dass mein Partner jede Nacht um 0:30 Uhr zu mir kommt und ich in “voreilendem Gehorsam die Musik anstelle”. Natürlich. Mein Partner wohnt unter der Woche woanders und tut es wie der ehemalige Partner. Der kam damals nämlich auch schon immer nachts zu mir. Wisst Ihr, ich suche meine Partner danach aus. Irgendwann erklärte der Schiedsmensch dem Nachbar, dass sich Lärm ausbreiten würde und der Anwalt sprach an, dass es Krankheiten gibt, die Stimmgewirr verursachen und Schiedsmensch stimmt zu. Erzählt von einem Fall, in dem ein Nachbar der Meinung war, der Nachbar würde weißes Zeug durch die Decke schütten. War nicht so. Nachbar sitzt da mit rotem Kopf und brüllt weiter. Schiedsmensch fragt, warum er so schreit, ob er denn schlecht hören würde und haut raus: “Wer laut wird, der lügt”. Nachbar sprachlos. Schiedsmensch muss selbst grinsen und verdrehte auch irgendwann die Augen. Nachbar sagt, dass es die beiden anderen Studentinnen nebenan nicht sind, weil sie lernen und Lehrerin werden wollen. Aha? Und ich will mein Studium nicht beenden? In meinem Kopf überlegt es. Lehrerin? Hier kann man doch nicht auf Lehramt studieren?! Aber gesagt hab’ ich’s nicht, weil ich eigentlich nur sprach, wenn ich gefragt wurde. Mutismus eben. Aber traurig bin ich nicht drum, weil so das ganze vielleicht noch absurder wirkt. Ein mich beschimpfender Nachbar und eine eingeschüchterte junge Frau. Da bin ich vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben dankbar für den Mutismus. Weil jeder natürlich gleich sieht wie furchtbar laut und böse ich bin.
Weiter gehts. Nachbar ist irgendwann der Meinung, dass mir die Vermieter kündigen müssen. Anwalt erzählt ihm Paragraphen und sagt, Herr Nachbar, das müssen sie in ihrer Ausbildung doch auch gelernt haben, dass das so nicht geht (er war Rechtspfleger). Am Ende meint Schiedsmensch, dass wir dann alle mal nachts in der Wohnung hören müssen. Anwalt sagt was von Feierabend und Sonderzuschlag, Schiedsmensch sagt, dass zahlt die Mandantin dann und Anwalt sagt “Nein, die zahlt nichts, das zahlt alles Herr Nachbar”. Ich schaue Nachbar das einzige und erste Mal an. Puderrot und sprachlos. Das gefällt mir.
Protokoll unterschreiben, dass es zu keiner Einigung kam und aus. Nachbar steht auf, will sich gerade beschweren, dass der Schiedsmensch den Namen vom HERZMENSCH nicht ins Protokoll aufgenommen hat. Hat er vergessen. Und Anwalt sagt leise, schnell weg hier, denn Nachbar will das Protokoll noch anfechten. Wir stehen draußen. Anwalt grinst und freut sich. Und erzählt mir noch, dass er mit den Vermietern telefoniert hat. Die sollen und wollen nach der ganzen Sache dann mal zu ihm kommen. Um zu gucken, wie es mit dem linken Nachbarn weiter geht. In diesem Haus. Dann wünscht er mit weiterhin viel Erfolg bei meiner Bachelorarbeit und sagte, ich solle mich keine Sorgen machen. Er regelt das alles. Ein bisschen Entspannung breitet sich aus.