Archiv für die Kategorie „Gedanken“

Zu groß

Donnerstag, 3. März 2011

Manchmal finde ich mich zu groß. Mit einem Meter und siebzig bin ich nicht gerade riesig, sodass ich kleiner sein müsste. Aber für selektiven Mutismus eben doch manchmal zu groß. Es wäre mir lieber, ich wäre ein bisschen kleiner. Besonders dann, wenn ich nicht sprechen kann. Ich finde bei großen Menschen ist es noch blöder, wenn sie nicht sprechen, weil man große Menschen definitiv nicht so gut übersehen kann, auch wenn sie stumm sind. Kleine, stumme  und zierliche Menschen kann man irgendwie besser übersehen und deswegen wäre ich manchmal gern ein bisschen kleiner. Denn, wenn ich nicht sprechen kann, wäre ich am liebsten gar nicht da. Und bei großen Menschen ist es schwer nicht da zu sein, wenn man eigentlich doch da ist.
Ich bin zu groß, zu dick, zu auffällig. Für selektiven Mutismus bin ich zu viel Person.

Einsam

Donnerstag, 24. Februar 2011

Irgendwie fühle ich mich ein bisschen einsam. Einsam, weil ich keinen Menschen mehr hab’, der mich mal einige Zeit lang begleitet hat. Ein Mensch, der weiß, wie es ist, der mich kennt und weiß, wie es in mir drinnen aussieht ohne, dass ich etwas sagen muss. Und ein Mensch, der miterlebt hat, was ich erlebt habe.
Klar kommen immer irgendwie neue Menschen dazu. Die auch sehr nah sein können. Aber am Anfang muss man immer erst erzählen und erklären. Und das ist irgendwie komisch. Die neuen Menschen können da (noch) nicht mitfühlen. Weil sie nicht wissen, wie es ist und war. Und irgendwie ist es auch komisch, dass sie in der Vergangenheit nicht dabei waren. Weil die Vergangenheit doch irgendwie wichtig ist. Deswegen bin ich ein bisschen einsam. Weil Menschen irgendwie kommen und gehen und man sich nur selbst bleibt. Und deswegen ist man irgendwie immer allein. Oder einsam.

Mutismusgedanken II

Mittwoch, 19. Januar 2011

Und heute quäle ich mich mit unsinnigen Telefonanrufen, die gemacht werden müssen, weil man Kontrolluntersuchungen bei Ärzten wahrnehmen sollte. Eigentlich sind ganz andere Dinge in meinem Kopf, die mir Magengrummeln und zittrig, kalte Hände bereiten. Aber das Telefonieren funktioniert. Das weiß ich. Weil es bloß unsinnige Termine sind, die gemacht werden müssen. Und so quäle ich mich heute damit, um zu sehen, dass es funktioniert. Um ein klitze kleines Erfolgserlebnis zu haben, weil es Mut macht. Mut macht vor dem großen Berg, der in wenigen Stunden auf mich zu kommt. So habe ich das Gefühl mich ein bisschen auszutricksen, damit ich wenigstens ein bisschen Lächeln kann. Keine große Sache, aber eine kleine Kampfstrategie.
Und am Ende werd’ ich natürlich wieder merken, dass es halb so schlimm war, wie  immer. Aber so ist das eben. Und deswegen quäle ich mich mit Telefonieren, als Lebensstrategie um nicht zu verzweifeln.

Mutismusgedanken I

Freitag, 7. Januar 2011

Die letzten Wochen dachte ich oft, dass es besser gehen würde. Dass ich bestimmte Situationen schon unzählige Male irgendwie überlebt hab’ und dass es deswegen bei dieser besser gehen würde. Aber geht’s nicht.
Vielleicht ist besser das falsche Wort. Besser geht’s. Aber ich dachte, dass es irgendwann gut geht. Dass es richtig gut geht, da es ja schon besser ist und nach besser gut kommt. Aber es geht nicht.
Und schlimm daran ist die Zuversicht, dass ich dachte, es könnte wirklich gut sein. Normalerweise bin ich Pessimist. Immer. Und gehe vom Schlimmsten aus. Das ist angenehm. Weil’s meistens dann doch besser als schlimm ist. Die letzten Wochen war’s anders. Da war da diese blöde Zuversicht vorher. Und dann die Lockerheit und der Humor über sich selbst. Fast schon ein bisschen großmaulig. Zu blind, irgendwie. Ach klar. Das wird schon kein Problem sein. Irgendwann muss es doch gut sein. Aber ist es nicht.
Und dann stand ich da. Mittendrin und ganz klein. Kleinlaut vielleicht auch. Weil es aufeinmal nicht mehr locker war. Je lauter ich vorher war, weil’s doch irgendwann mal gut sein muss, desto stummer war ich dann später.

Da war zum Beispiel die Situation mit dem Kinomensch. Ein Mensch, der im Kino arbeitet und den ich anfangs über das Internet und später real besser kennengelernt hab’. Da kann ich in Cafés mit ihm rumwitzeln und plaudern, fast schon ein bisschen plappern und dann ist er im Kino umgeben von einer Menschentraube und überhaupt nichts geht davon. Dann sind die Dinge, die ich eigentlich in dem Moment von ihm wollte, weg. Und vorher wollte ich so viel. Weil ich dachte, dass muss doch gehen. Natürlich, tut es das. Dann bin ich fest davon überzeugt, dass ich ihm die ausgeliehene CD zurück geben kann oder dass ich ihn nach Pappaufstellern und sonstigen Dingen fragen kann. Aber kann ich nicht. Kann ich genauso schwer, wie vorher auch. Dann ist die CD in meiner Tasche und ich nehme sie einfach wieder mit, ohne je ein Wort darüber verloren zu haben.

Eigentlich ist’s okay. Ich komm’ damit klar, weil es ja schon immer so gewesen ist. Schlimm ist nur die Zuversicht und dann der Schlag ins Gesicht, dass es vielleicht nie so richtig gut werden kann. Das ist neu.

Droge: Mutismus

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Wisst ihr, Mutismus ist manchmal wie eine Droge. Denn da gibts am Ende, wenn etwas geschafft ist dieses unglaublich berauschende Gefühl. Mir fällt kein ähnliches Gefühl ein, was ich euch nennen könnte, damit ihr wisst, wie das ist. Das ist viel mehr als das Abfallen der Anspannung. Da fallen tonnenweise Haufen ab. Besonders bei Dingen, die irgendwie mal unmöglich schienen. Wie das Praktikum im Studium. Das war so ein Ding, was unmöglich war. Im Nachhinein klingt’s blöd, weil’s seit gestern vobei ist, aber vor einem Jahr war es mal unmöglich. Da war’s riesengroß und schwer und unmöglich. Eine Herausforderung, die niemals meisterbar schien, weil’s zu kompliziert ist. Weil Praktika im Studium irgendwie wichtiger sind als in der Schule. Da wird mehr verlangt und erwartet und man hat mehr Verantwortung. Man ist eben Student und kein kleines Schulmädchen mehr und deswegen ist’s wichtiger.
Jedenfalls war’s mal so wirklich unmöglich für mich. Und ich weiß nicht, ob ihr wisst, wie sich das anfühlt, wenn unmögliche Dinge plötzlich möglich und sogar vorbei sind. Dann ist das mehr als ein Grinsen im Gesicht. Dann ist da die Gänsehaut die den ganzen Körper verziehrt und innendrin kribbelt es überall. Und dann kann das Gesicht gar nicht mehr anders als zu strahlen. Dann machen das die Muskeln ganz von allein. Innendrin ist’s dann ganz warm und es fühlt sich so an als wäre man federleicht oder man würde überhalb des Bodens stehen. Und dann stimmt auch die ganze bisherige Welt irgendwie gar nicht mehr, weil unmögliche Dinge eigentlich nicht machbar – eben unmöglich – sind. Heißt ja schließlich so. Dann ist das völlig überwältigend und man muss das erst wieder neu ordnen.
Besonders wenn es nicht nur vorbei und geschafft ist, sondern auch im Großen und Ganzen gar nicht so schlimm war. Eigentlich sogar nett. Und wenn man ein tolles Feedback bekommt, was gar nicht mal so schlimm den Fokus darauf hat, dass ich natürlich viel zu still bin und zurückhaltend mit mir und meinem Wissen, sondern auch viele andere Dinge gesagt werden. Dann ist das eigentlich noch viel schlimmer mit den Gefühlen. Und eigentlich könnten da auch Tränen in den Augen sein, weil man so wahnsinnig stolz ist und gerade in diesem klitzekleinen Moment so unsagbar glücklich. Weil die Welt nicht mehr stimmt und unmögliche Dinge aufeinmal möglich sind. Und man hat’s sich ganz allein zusammen gekämpft.
Und deswegen mag ich den Mutismus auch eigentlich gar nicht her geben. Selbst, wenn ich ihn manchmal verfluche und am liebsten weg werfen würde. Aber irgendwie wär’s ohne ihn auch langweilig. Und dieses unbeschreibliche Gefühl am Ende, wenn ein Kapitel im großen Buch vorbei ist, ist das Leben mit Mutismus ein klitzekleines Riesenbisschen lebenswert!

Morgengedanken II

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Und eigentlich pass’ ich da doch rein. Wieso auch nicht. Eigentlich pass’ ich da genau rein. In das Leben. Zu den anderen Pendlermenschen. Wenn ich von SBahn zu den Fernzügen über Rolltreppen eile und die Menschen anspreche, ob ich mal vorbei kann, weil man auf Rolltreppen rechts steht und links geht. Wenn ich inmitten der Massen laufe, sitze, stehe. Dann seh’ ich kein bisschen anders aus, als die anderen Menschen. Und dann pass’ ich da auch rein. Weil jeder Mensch komische Dinge im Kopf hat und ich hab’ eben meine Dinge im Kopf.

Morgengedanken I

Morgengedanken I

Donnerstag, 11. November 2010

Irgendwie ist es jeden Morgen ein bisschen komisch für mich. Das mit dem Pendeln in die Großstadt. Denn da gibt’s die ganzen Menschen in Anzug oder Kostüm. Hübsch gekleidet, ordentlich und chic. Im Gesicht angemalt, die Aktentasche auf dem Schoß und das iPhone in der Hand. Büromenschen. Scheint als haben sie alle einen guten Job, verdienen Geld und sind auch gut. Alte Menschen und junge Menschen.
Und ich mittendrin, wo ich doch das Gefühl hab’ nicht mittenrein zu gehören. Weil Menschen mit selektiven Mutismus doch da irgendwie nicht rein gehören. In den Pendleralltag mit Job und Geld. Ich hab’ keinen Job und kein Geld und weiß auch nicht, ob ich das jemals haben werde.
Ich pass’ da nicht rein. Äußerlich ein bisschen vielleicht. Innerlich absolut nicht.

Morgengedanken II

Nicht sprechen

Freitag, 29. Oktober 2010

Manchmal hab’ ich mir gewünscht, dass ich so richtig nicht sprechen kann. So wie stumme Menschen. Weil dann könnte ich es einfach nicht und dann wäre das so. Aber so – mit selektiven Mutismus – ist das nichts Halbes und nichts Ganzes. Und deswegen hab’ ich mir manchmal gewünscht richtig stumm zu sein.

Das Wort “Mutismus”

Dienstag, 12. Oktober 2010

Manchmal nervt mich dieser Blog ein bisschen. Weil das Wort “Mutismus” irgendwie noch nie so wichtig in meinem Leben war, wie jetzt. Durch den Blog hat das Wort einen riesigen Stellenwert bekommen. Mutismus, Mutismus, Mutismus. Überall Mutismus. Die Blogadresse, Twitter, die e-Mail Adresse.
Wisst ihr, eigentlich mag ich das Wort nicht. Absolut nicht. Ich finde es klingt komisch, wenn man es ausspricht und ich es hören muss und ich spreche es im realen Leben auch ziemlich ungern aus. Weil ich irgendwie finde, dass man den ganzen Mist nicht mit einem Wort zusammenfassen kann. Eine Krankheit, ein Problem, ein Leben (oder was auch immer Mutismus ist) ist kein Wort. Das ist irgendwie mehr. Und ich glaube niemand kann sich vorstellen, wie es mit diesem Wort ist, wenn er es nicht selbst kennt. Da kann ich das Wort erklären, so viel wie ich will. Was Mutismus ist, wisst ihr trotzdem nicht. Weil es nicht nur ein Wort ist.

Angst I

Sonntag, 12. September 2010

Gerade mach’ ich ein Praktikum und pendele dazu morgens in die Großstadt und abends wieder zurück. Und das schon ein bisschen mehr als eine Woche.
Jeden morgen sehe ich eine junge Frau. Ich sehe sie in der S-Bahn, wenn ich am Bahnhof umsteige. Meistens sitzt sie irgendwo in meiner Nähe, eins zwei Sitze weiter.

Am ersten Tag meines Praktikums hat sie die ganze Zeit gezittert. Sie ist ziemlich dünn und es war auch kalt. Ich hab’ auch gefroren. Aber weiter darüber nachgedacht hab’ ich nicht. Ich hab’ ja selbst gezittert. Vor Angst und nicht vor Kälte.

Aber an den nächsten Tag saß sie auch da und zitterte immer noch. Kalt war’s nicht mehr und die Sonne hat auch geschienen und außerdem hätte sie sich wärmer anziehen können.
Sie sitzt jeden Morgen da, auf dem blauen S-Bahnsitz und zittert. Kaut an den Fingernägel und hat Kopfhöhrerohrstöpsel im Ohr. Manchmal hat sie die Beine übereinander geschlagen. Mal das rechte auf dem linken oder andersrum. Und dann wackelt sie die ganze Zeit nervös mit den Beinen.
Ihr Gesicht ist ganz knochig und starr. Wenn man es berühren würde, wäre es sicher eisig kalt, weil es so aussieht, als wäre es eingefroren. Ihre Augen sind geradeaus gerichtet. Einige würden vielleicht sagen, sie ist böse. Aber ich glaube sie hat wahnsinnige Angst. Weil ich sie nur anschauen muss und ich das Gefühl habe, alles selbst zu fühlen. Wie ein Stich durchfährt es mich, wenn ich sie anschaue.

Sie tut mir so leid. Ich würd’ gern irgendwas tun. Sie fragen, ob alles in Ordnung ist. Ob ich etwas für sie tun kann. Oder ihr einfach viel Kraft wünschen und sagen, dass wenn man stark bleibt, es irgendwann ein kleines bisschen besser wird.
Nur, wenn ich es wirklich versuchen würde, würde ich genauso dort sitzen wie sie…

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