Essen ist, wenn man Mutismus hat, schrecklich kompliziert.
Alena hasste es, weil in der Klinik die Mahlzeiten zusammen im Gruppenraum eingenommen wurden. An einem großen Tisch. Und das Problem war, dass es nur wenige Schüsseln gab. So standen die Kartoffeln einmal am Tischende, das Gemüse in der Mitte und die Soße vielleicht am anderen Ende.
Als Mutist kann man nicht über den Tisch rufen „ich hätte gern mal die Kartoffeln.“ Und deswegen war das Essen kompliziert. Für Alena alles eine strategische Organisation. Das musste alles genau geplant werden.
Alena ging immer rechtzeitig zum Gruppenraum. Manchmal konnte sie dann dem Küchendienst helfen, den Tisch zu decken. Dann war alles weniger schlimm, weil sie das Essen so hinstellen konnte, dass sie überall ran kam und nicht rufen brauchte. Manchmal ging das nicht. Aber dann musste das Hinsetzten geplant werden. Dann musste Alena am besten so sitzen, dass sie an die Sachen kam, die sie auch aß. Kartoffeln mochte sie nicht so sehr. Das war okay, wenn die mal weiter weg standen. Wenn jemand fragte, warum sie keine Kartoffeln aß, konnte sie sagen, dass sie Kartoffeln nicht so gern mag. Die Wahrheit würde niemanden interessieren. Problematisch war das bei Dingen, die sie mochte.
Manchmal redete sie mit den Patienten, wenn sie allein waren. Da ging das Sprechen schon immer besser. Und was war, wenn sie irgendwann mal erzählt hatte, dass sie Rosenkohl eigentlich ganz gern mochte und dann stand der Rosenkohl völlig unerreichbar auf dem Tisch? Dann wär’s peinlich gewesen.
„Och, heute mag ich den Rosenkohl nicht mehr“, wäre eine völlig blödsinnige Antwort gewesen.
Manchmal hatte Alena Glück und da wurden die Schüsseln einfach durchgegeben. Dann war alles in Ordnung. Und manchmal saß ein Patient neben ihr, mit dem sie besser sprechen konnte. Dann konnte sie fragen, vorausgesetzt er oder sie kam ran. Und manchmal ging auch alles schief. Dann aß sie gar nichts.
„Ich habe keinen Hunger“, hatte sie dann auf Fragen geantwortet und wieder interessierte sich niemand für die Wahrheit. Weil es in Ordnung war mal keinen Hunger zu haben. Sie war ja schließlich nicht wegen einer Essstörung da. Dann wäre es nicht mehr so in Ordnung gewesen.
Problem aber war, wenn sie sagte, dass sie keinen Hunger hatte, konnte man da nicht mehr zurück. Und zu sagen „ach, jetzt hab’ ich doch ganz plötzlich Hunger bekommen“ nur weil die Nudeln zufällig erreichbar waren, wäre völliger Blödsinn gewesen. Deshalb saß Alena dann meistens da, mit knurrendem Magen, an einem Tisch mit Essen. Schön war das. Ganz toll. Völlig festgefahren und ausweglos. Fertig mit der Welt. Weil man als Mutist noch nicht einmal vernünftig essen konnte!
Essen
Das letzte Mal
Freitag, 16 Uhr und Alena stand vor der Tür zur Station 3 der psychiatrischen Klinik. Sie stand unter dem Vordach, die Tasche hatte sie auf die Bank gestellt. Und dort wartete sie. Es war Anfang Juni. Für Juni war es zu kalt und grau. Sie wartete und überlegte, wie auf der Zugfahrt, weiter, was heute Thema der Therapie sein sollte.
Um 16.10 Uhr sah sie eine Gestalt vom Anmeldungsgebäude herüber gehen. Das war Herr V. Sie erkannte seinen Gang schon von Weitem. Um 16.10 Uhr, obwohl sie den Termin eigentlich schon um 16 Uhr hatte. Das war aber immer so. Herr V. kam immer zehn Minuten zu spät. Danach konnte man die Uhr stellen. Aber es war nicht schlimm, denn er hing immer einige Minuten dran und meist sogar mehr als zehn.
„Hallo Alena“, lächelte er und gab ihr die Hand.
„Hallo“, sie grinste zurück.
Herr V. schloss die Tür auf und ging die Treppe hinauf zu seinem Büro.
Alena folgte ihm.
„Wie geht es dir?“
„Geht so“, antwortete sie.
„Und von einer Skala von eins bis zehn, wobei eins sehr schlecht und zehn sehr gut ist?“, fragte er.
Alena schaute ihn schief an. Sie mochte das nicht. Weil man seine Gefühle nicht einfach in Zahlen einordnen konnte und heute hatte sie einfach keine Lust auf dieses Spielchen. Einmal hatte sie geantwortet, dass nur Männer etwas in Zahlen einordnen würden und Herr V. hatte gelacht. Sie mochte seinen Humor und es machte Spaß mit ihm zu witzeln. Aber heute nicht und das merkte er. Er fragte nicht mehr weiter.
Alena erzählte von den letzten zwei Wochen, vom Studium und vom Alltag. Und irgendwann erzählte sie davon, wie elend schwierig alles war und davon, dass zwar alles irgendwie funktionierte, aber dennoch immer so viel Anstrengung kostete.
„Das ist zum Kotzen! Das ist fast jeden Tag eine Quälerei. Alles was für andere völlig normal erscheint ist eine Quälerei!“, erklärte Alena.
„Welche Situationen meinst du denn genau?“
„Alles!
Angst, dass man in den Übungen angesprochen wird, vor den praktischen sowieso, weil man keinen Partner finden könnte, obwohl das Blödsinn ist, da es zahlenmäßig extra so aufgeteilt wurde. Dass man etwas falsch macht und man jemanden fragen muss oder gar nicht weiß, wie es geht und und und. Vor allem ist der Professor ein Idiot.
Ach, und man muss so schrecklich viel organisieren. Generell.
Und eine Kommilitonin fragt oft, ob ich Lust habe abends etwas zu unternehmen. Hab’ ich nicht, aber es ist mir zu dumm jedes Mal Ausreden zu überlegen. Der Alltag und die Menschen sind so anstrengend, dass ich abends schlafen muss, damit das Sprechen am nächsten Tag wieder funktioniert. Aber wer versteht das schon? Andere unternehmen gern etwas. Als Entspannung. Ich hab’ da keine Entspannung.
Hab’ ich was vergessen? Ach, und zu Hause natürlich. Das ist auch schwierig.“
“Aber du machst alles?”
“Ja. Aber es ist schwierig!”
Herr V. merkte, dass er dazu nicht viel sagen konnte, denn Alena hatte die besseren Argumente. Weil es eben einfach schwierig war. Tatsache.
Auf den Versuch Lösungen zu finden, ging sie nicht ein. Sie wollte keine Lösungen, weil es keine mehr gab, die sie nicht schon kannte und die leicht waren.
„Okay, man muss nicht immer Lösungen finden…“, entgegnete er.
„Ich möchte einen Zauberer. Das wäre eine gute Lösung. Einen Zauberer, der alles ein bisschen leichter und weniger schwierig zaubern könnte. Das wäre wirklich schön. Ein Zauberer…“
Und Tränen liefen die Wangen hinunter.
Er schaute komisch. Komisch, weil er so noch nie geschaut hatte. Irgendwie so voller Leid. Mitleid. Aber nicht bemitleidend sondern so, als würde er es gerade mehr als alles andere verstehen und auch fühlen. Komisch war das. Als berührte es ihn zutiefst. Als berührte Alena ihn zutiefst. Irgendwie hatte er ein schmerzverzehrtes Gesicht und seine Stimme war sehr leise.
„Hast du schon mal darüber nachgedacht, Medikamente zu nehmen?“, fragte er nach einer langen Weile.
Hm?! Sie funkelte ihn böse an.
Sie schwieg. Wut stieg in ihren Bauch.
Und das war eine Lösung? Tabletten nehmen? Darüber hatten sie doch schon einmal geredet. Vor einigen Jahren und das endete auch nur in Wut, weil sie keine kleinen Pillchen nehmen wollte. Weil damit auch nichts besser werden konnte. Das war einfach nur die einfachste Lösung. Tabletten schlucken, wie ein Psycho. Das ging all die Jahre ohne und deshalb wollte sie auch jetzt keine Medikamente haben. Alena hatte die Depressionen besiegt und hatte aufgehört sich selbst zu verletzen. Das war alles viel schlimmer gewesen, als jetzt. Deswegen nimmt man jetzt auch keine Tabletten! Irgendwie wäre das ein Zeichen von Schwäche gewesen.
Sie war wütend, weil Herr V. diesen Vorschlag machte und wütend, weil er es sich leicht machte. Es sollte leicht sein, aber nicht so.
Außerdem hatte Alena Angst davor, mit Medikamenten nicht mehr echt zu sein. Zugedröhnt und beeinflusst. Oder ausgeschaltet und anders. Nein, keine Medikamente!
Sie war so wütend, dass sie nicht sprechen konnte, weil sie sich kontrollieren musste. Sonst hätte sie geschimpft und geschrien und das ging nicht.
Herr V. redete weiter, fragte warum, was sie dachte, dass sie die Wut heraus lassen sollte. Und dass Alena mal wieder nicht sprechen konnte, machte sie nur noch wütender.
Sie hatte keine Lust mehr, wollte nach Hause. Sie sprang auf und nahm ihre Tasche.
„Geh’ bitte nicht…“, sagte er und da stand sie, an der Tür und schaute ihm in die Augen.
Nein, eigentlich konnte sie auch gar nicht gehen. Das war schon immer so gewesen, dass sie bei einem Streit oder Unstimmigkeiten nicht einfach gehen konnte. Erst, wenn es wieder gut oder besser war, weil man sich in Frieden verabschieden sollte. Und deshalb blieb sie bis zum Schluss. Sie setzte sie wieder.
Herr V. fragte am Ende der Stunde, wann sie den gern wieder kommen würde. Alena zuckte mit den Schultern.
„Ich glaube es ist besser, wenn du ziemlich bald wieder kommst.“
Sie nickte und sah ihm zu, wie er in seinem Terminkalender blätterte.
„Freitag in zwei Wochen, ist das okay?“
Sie nickte wieder.
Er schrieb den Termin auf einen Zettel.
Und sie ging. Sie schaute beim Türschließen nicht noch mal zurück, nicht wie sonst immer. Da schenkte sie ihm immer ein Lächeln zum Abschied.
Heute nicht. Alena war müde. Bis in zwei Wochen.
Cut.
Am Sonntag schrieb Alena ihm eine e-Mail. Sie schrieb all ihre Gedanken auf, die sie am Freitag nicht sagen konnte. Warum sie wütend war und warum sie keine Medikamente nehmen wollte.
Die e-Mail Adresse hatte Herr V. ihr erst vor kurzem gegeben. Damit sie ihm schreiben konnte, wenn das Anrufen mal nicht funktionierte, hatte er gesagt. Das war nett und deshalb schrieb sie.
Und danach malte Alena einen Zauberer. Einen Zauberer, der das Leben leicht zauberte. Einfach so.
In der nächsten Nacht schlief sie furchtbar. So schlecht hatte sie sicherlich noch nie geschlafen. Es war so, als wäre sie die ganze Nacht wach gewesen. Und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie sich beim Schlafen selbst sehen konnte. Dass sie überall war und durch die Welt wanderte. Furchtbar komisch war das.
Cut.
Es war Freitag. Schon dreimal hatte die unbekannte Nummer angerufen. Alena ging nicht ran. Sie mochte es nicht, wenn sie nicht wusste, wer anrief.
Aber das war nun der vierte Anruf. Irgendwie schien es dann doch wichtig zu sein.
Beim nächsten Mal, gehe ich ran, dachte sie und hoffte insgeheim, dass der Unbekannte nicht noch einmal anrufen würde.
Aber da klingelte es wieder.
„Ja?“
„Alena, hallo. Ich bin’s Frau G.“
„Oh, hallo“ und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Frau G., ihre Lieblingsbetreuerin aus der psychiatrischen Klinik, mit der sie immer noch ab und an Kontakt hatte. Sie hatte schon lange nicht mehr angerufen.
„Alena? Bist du allein?“
Hm? Wieso fragte sie, ob ich allein sei?
„Ja, bin ich. Ich bin in meiner Wohnung.“
„Hm. Sitzt du?“ Ihre Stimme zitterte.
Häh? Wieso sollte Alena sitzen? Sie konnte auch im Stehen telefonieren. Oder ist etwas passiert? Wie im Fernsehen. Da sieht man das manchmal, dass Menschen fragen, ob man sitzt. Musste sie den Therapietermin nächste Woche absagen? Ist Herr V. im Krankenhaus, wie schon einmal? Und da hatte sich Frau G. mit Alena getroffen. War das so?
„Ja.“
„Herr V….
Herr V. ist am Sonntag, in der Nacht, gestorben…“, flüsterte Frau G. leise und man hörte, wie sie mit den Tränen kämpfte.
Zittern. Am ganzen Leib Zittern.
Das Herz, das donnerte bumm, bumm, bumm und übertönte das Schweigen.
Das Blut schoss in den Kopf.
Und die Tränen und der Nebel um die Augen.
Filmriss.
Die Welt, die ging heute für immer kaputt.
Marie
Marie war ein ängstliches Mädchen. Sie hatte Angst vor der Nacht und vor Monstern unter dem Bett oder im Schrank. Und vor der Dunkelheit sowieso. Ohne Licht konnte sie nicht schlafen. Aber die komischen Schatten, die das Licht machte, waren auch nicht gut. Und das alte Haus, in dem sie wohnte, machte zu viele Geräusche und auch die fürchtete sie. Deshalb musste Marie immer eine Hörspielkassette hören. Bibi Blocksberg. Weil Bibi Blocksberg eine Hexe ist und keine Angst haben muss. Ohne Hörspielkassette konnte sie nicht einschlafen. Und wenn die Hörspielkassette zu Ende war, sie aber noch nicht schlief, musste sie noch eine hören. Und dann hatte sie wieder Angst geschimpft zu werden, weil sie noch nicht schlief. Sie hatte Angst allein in kleinen, geschlossenen Räumen zu sein – deshalb mussten die Türen immer auf sein – und allein in großen sowieso. Sie hatte Angst vor Einbrechern, vor Feuer und vor Gewitterblitzen am Himmel und davor, dass ihrer Familie etwas passierte. Durch einen Autounfall oder so. Deswegen wollte sie immer mitfahren, wenn jemand wegfuhr, damit sie auch sterben würde, wenn etwas passierte. Sie konnte nicht Fahrradfahren und auch nicht Schwimmen – Marie war acht – weil es gefährlich war, so wie ihr Papa immer sagte. Das ganze Leben ist gefährlich. Immer muss man aufpassen, das hatte sie so gelernt. Es war auch gefährlich allein an die Straße zu gehen – drüber sowieso – und deshalb tat sie es nicht. Auch hatte sie manchmal Angst vor Menschen. Vor den beiden bösen Jungs, die sie nie in Ruhe ließen, wenn sie zu Besuch kamen. Und wenn sie wieder gingen war immer eines ihrer Spielsachen kaputt. Sie hatte Angst vor Ärzten, davor, dass es wehtat und vor der Schule. Außerdem fürchtete sie sich vor Spinnen und Schlangen. Auch, wenn es die gefährlichen hier gar nicht gab und nur in anderen Ländern, wie ihre Mama immer sagte. Aber man wusste ja nie. Vielleicht war doch eine gefährliche Schlange im Gras versteckt. Vorsichtig musste man sein und aufpassen. Man musste auch aufpassen, dass man nicht entführt wurde. Davor hatte sie nämlich auch Angst, von einem fremden Mann einfach mitgenommen zu werden. Und eigentlich hatte sie auch vor allem Angst, was Angst machen konnte.
Der Sportunterricht
Und schon wieder Sport. Warum muss die Woche immer so schnell vergehen, wenn sie es eigentlich gar nicht tun sollte, dachte Kevin und hatte schon den ganzen Morgen dieses komische flaue Gefühl im Magen gehabt, als wäre dieser Freitag der letzte Tag in seinem Leben.
Kevin hasste den Sportunterricht. Eigentlich war es sogar mehr als Hass, er verabscheute ihn. Und das lag nicht daran, dass er Sport nicht mochte oder unsportlich war, nein, Kevin konnte sich nicht bewegen. Genauso, wie er nicht sprechen konnte funktionierte auch das nicht.
Sein Körper war wie gelähmt. Alles bewegte sich nicht so, wie es sollte, oder wie es das zu Hause tat, wenn niemand da war und zuschaute. Die Arme funktionierten nicht und die Beine auch nicht. Alle Bewegungen waren irgendwie merkwürdig, unnatürlich. Natürlich konnte er den Arm heben, oder das Bein, aber es war steif. Und es sah komisch aus. Allein konnte er besser fangen, weiter werfen und springen und schneller laufen.
Kevin nannte es das Ding. Er hatte ein Ding in sich, was ihn versteinern und nicht sprechen lies. Und deswegen war der Sportunterricht für ihn eine Katastrophe.
Natürlich war er immer derjenige, der übrig blieb und als letztes gewählt wurde, wenn Teams gebildet werden sollten. Und wenn Kevin dann gezwungenermaßen einem Team zugeteilt wurde, verdrehten die anderen Jungs immer die Augen und gingen zu ihrem Spielfeld. Kevin trottete hinterher.
Wenn er denn wenigstens wirklich unsportlich wäre oder übergewichtig, wie Patrick – selbst er wurde noch vor ihm gewählt – dann wäre es ein vernünftiger und nachvollziehbarer Grund, weshalb er nicht gut in Sport war, dachte Kevin. Aber so war es nicht.
Manchmal konnte er sich drücken. Dann war er krank oder hatte sich verletzt. Und während er auf dem Spielfeld stand – Basektball wurde gespielt – dachte er daran, wie praktisch es wäre ein Mädchen zu sein. Dann hätte er einmal im Monat Unterleibschmerzen haben können und könnte gackernd auf der Bank sitzen und die Jungs beim Sport beobachten. Nein, könnte er nicht, weil er ja nicht viel sprechen konnte. Also würde er schweigend da sitzen. Aber immerhin sitzen.
„VORSICHT, KEVIN!“, schrie Steffen.
Mist, ein Korb. Die anderen seufzten. So was geht immer viel zu schnell. Manchmal zweifelte er sogar daran, ob mit seinen Augen alles in Ordnung sei, weil er manchmal keine Bälle sah, so schnell ging das. Aber mit den Augen war alles in Ordnung. Oder mit dem Gehirn. Weil Ball sehen, nachdenken, was zu tun ist, reagieren und bewegen in diesem Moment viel zu kompliziert war. Aber auch mit dem Gehirn war alles in Ordnung, denn zu Hause konnte er mit seinem besten Freund, den er schon seit dem Kindergarten kannte, Basketballspielen. Und sogar gut.
Dieses scheiß Ding, dachte er.
Sport war die Hölle. Drei Jahre Sportunterricht müsste er noch durchstehen. Nur noch drei Stück. Zehn hatte er schon. Da waren drei doch ein Zuckerschlecken. Drei Jahre. Wie viel Schulwochen waren das? 40? Egal, mehr als 120 Sportstunden waren das nicht mehr…
Wieder war eine Woche geschafft und wieder warf Kevin am Nachmittag die Tasche in sein Zimmer, zog sich um, ging raus und rannte. Er rannte die Feldwege um das Wohnviertel entlang und rannte und rannte. Musik im Ohr. Um den Kopf von der Woche freizubekommen. Und damit die Wut verschwand, die Wut über sich selbst, weil er so komisch war.
Fahrplanauskunft ll
Alena lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Das bedruckte Papier vom Bahnhof lag auf dem Schreibtisch. Wie ärgerlich das doch ist, dachte sie. Die falsche Zugverbindung. Gut, an sich, war es nicht völlig falsch. Die Fahrtzeiten in die Stadt standen auf dem Zettel. Aber ab dem Bahnhof musste man noch einmal mit dem Bus fahren und die Busverbindung war falsch. Der Mitarbeiter von der Bahn musste die genaue Straße wohl falsch verstanden haben. Und das lies ihr einfach keine Ruhe. Sie wollte einen richtigen Zettel mit ihren Zugverbindungen haben.
Es war 18.30 Uhr, Zeit für das Abendessen. Langsam schlurfte Alena in den Gruppenraum, in dem nicht nur die Gruppentherapie stattfand, sondern auch die Mahlzeiten eingenommen wurden. Alena setzte sich neben Maike, die sich mit Dennis unterhielt. Nach und nach folgte der Rest, bis alle da waren.
Nach dem Abendessen, zurück in Alenas Zimmer, klopfte es plötzlich an der Tür. Maike und einige andere Mädchen warfen ihre Köpfe zur Tür herein. „Möchtest du mit in den Abendausgang kommen? Wir wollen zum Bahnhof.“ Ja, warum nicht. Die Sonne geht gerade so hübsch unter, dachte sie. „Ja.“
Es war der letzte Abendausgang in diesem Sommer. Nach dem Abendessen durfte man nur im Sommer noch einmal bis um 20.15 Uhr die Station verlassen. Im Herbst und Winter dann nicht mehr, da es dunkel wurde. Als würde die Dunkelheit die kleinen Patienten auffressen, dachte Alena. Sie möchte es im Dunkel spazieren zu gehen.
Alena und vier andere Mädchen gingen zum Bahnhof. Zwei wollten irgendwie Zigaretten bekommen – sie waren erst 14 – und die anderen beiden Zeitschriften und Süßigkeiten für den Abend kaufen.
Ja, der Bahnhof. Und eigentlich könnte Alena noch einmal beim Servicebereich vorbeischauen. Nur schauen. Mehr nicht. Die Lage checken, wie sie manchmal scherzhaft zu Herr V. sagte, wenn sie erstmal nur beobachten wollte.
Der Weg zum Bahnhof war nicht lang. Sie sagte den anderen, dass sie nicht mitkomme. Sie müsse etwas erledigen und dann stand sie aufeinmal allein in der Bahnhofshalle. Der Bahnhof war viel leerer. Nicht mehr so viele Menschen, wie am Mittag waren unterwegs. Und hinter den Tresen saßen nur eine Frau und ein Mann, ein anderer als am Mittag. Ein Fahrgast mit einem großen schwarzen Koffer und glatt gekämmtem Haar stand an seinem Tresen. Wenn Alena da nun reingehen würde, könnte sie nicht mehr so einfach wieder rausgehen. Dann gab’s kein Zurück mehr, denn alles war so menschenleer, dass jeder Alena bemerken würde.
Okay. Durchatmen und gehen. Genau, wie heute Mittag.
Gehen.
Und sie ging.
Das Herz schlug ihr wieder bis zum Hals. Aber diesmal versuchte sie es zu ignorieren. Adrenalin schoss durch ihren Körper und er fühlte sich irgendwie merkwürdig kühl an.
Alena ging durch die Glastür und den mit Bändern markierten Weg für eine lange Schlange entlang. Links, rechts, links, rechts – warum musste man die Markierungen so stehen lassen, wenn doch gar keine Menschen mehr hier waren? Daran, dass so ein langer Weg für jemanden, der gerade Todesängste durchstehen musste, sehr ungeeignet war, dachte niemand.
Endlich war sie bei der Frau. Es war eine blonde, freundlich aussehende etwas fülligere Frau.
„Hallo!“
„Hallo. Ich bräuchte eine Fahrplanauskunft.“
„Von wo nach wo denn?“, fragte die Frau.
„Von hier zur Berufsschule und wieder zurück.“
Sie tippte.
„Okay. Morgens hin und am Nachmittag zurück?“
„Genau.“
Der Drucker ratterte.
„Ich habe Ihnen ein paar Verbindungen ausgedruckt“, sie zeigte Alena den Zettel.
Alena schaute ihn an. Da stand als Endhaltestelle „Berufsschule“! Es stimmte!
„Danke“, sagte sie freundlich und lächelte.
„Tschüss.“
Ihr Herz schlug noch immer laut. Es war als wollte es nicht leiser werden. Aber diesmal wohl vor Stolz. Und vor Erleichterung. Aufeinmal fühlte es sich so an, als wäre sie schwerelos, wie eine Feder. Als hätte sie tausende von Kilogramm verloren. Und eigentlich hätte sie auch den ganzen Bahnhof umarmen können, würde er in ihre Arme passen.
Ich glaube, ich zerspringe, dachte sie. Das ist ja besser als alles, was ich jemals gefühlt habe.
Zurück auf der Station erzählte sie es sofort. Das musste man einfach erzählen. Darüber konnte man nun wirklich nicht schweigen. Außerdem strahlte Alena bis über beide Ohren, das konnte auch niemand übersehen ohne zu fragen, was passiert war.
Frau Förster schaute sie skeptisch, aber erfreut an. Wahrscheinlich dachte sie, so etwas Verrücktes konnte Alena gar nicht gemacht haben. Sicherlich hatte sie bei der Teambesprechung schon von Alenas Ausflug am Mittag mit Herr V. gehört und wie schwer es ihr gefallen war.
Aber konnte man machen. Sogar Alena.
Weil es einfach nicht ging, wenn man die falsche Auskunft hatte. Das war so, als hätte man etwas angefangen und konnte es nicht zu Ende bringen. Und das funktioniert doch einfach nicht! Der ganze Kampf am Mittag hätte nicht umsonst sein können!
Fahrplanauskunft l
„Na, dann lass’ uns losgehen, zum Bahnhof“, sagte Herr V. mit einem Lächeln.
„Wie, was? Jetzt?“, fragte Alena skeptisch.
„Ja. Oder spricht etwas dagegen?“
Nein, an sich nicht. Aber trotzdem ging das nicht einfach mal eben so. Und schon gar nicht heute und jetzt. Da muss man drüber nachdenken. Man muss sich vorbereiten und Nächte darüber schlafen. Auch, wenn sie nun schon eine halbe Stunde der Therapie darüber geredet hatten. So schnell ging das nicht.
Alena wollte wieder zur Schule gehen. Sie war nun schon vier Monate in der psychiatrischen Klinik und das neue Schuljahr hatte inzwischen begonnen. Extern, nannte man das hier und die Möglichkeit gab es. Viele Patienten gingen extern zur Schule. Nur war die Schule der anderen Patienten in derselben Stadt und nicht 40 Kilometer außerhalb. Und darum musste erst geschaut werden, ob das funktioniert und ob es eine Zugverbindung gab.
Ehe Alena Argumente einfielen, was denn nun eigentlich dagegen spricht sofort zum Bahnhof zu laufen und sich eine Fahrplanauskunft zu holen, stand Herr V. schon in seinem Büro und schnappte sich seine Jacke, die über dem Schreibtischstuhl hing.
„Lass’ uns hoch gehen. Ich sag’ schnell im Dienstzimmer bescheid und du holst deine Jacke“, sagte Herr V.
Nein. Ich kann das nicht. Nicht jetzt, dachte Alena still und folgte Herr V., wie automatisiert, der schon den Schlüssel zückte, um seine Bürotür abzuschließen.
Alena schlich in ihr Zimmer, schnappte ihre Jacke und hörte Herr V. gerade fragen, ob sie laufen oder mit der Straßenbahn fahren wollen.
„Laufen!“ Dann ist mehr Zeit, dachte Alena.
Und so gingen sie den kurzen Weg zum Bahnhof zu Fuß.
„Wie geht es dir?“, fragte Herr V.
„Ich kann das nicht“, antwortete sie gequält und verzog das Gesicht dabei vor Angst.
Ihr war übel. Ihr Magen fuhr Achterbahn. Und alles tat ihr weh. Ihren Herzschlag konnte sie trotz der quietschenden Straßebahnen und der vorbeifahrenden Autos hören. Sie merkte selbst kaum, wie sie einen Fuß vor den anderen setzte und neben Herrn V. zum Bahnhof ging.
Es war komisch neben ihm zu gehen. Überhaupt, war es komisch mit ihm irgendwo hin zu gehen, denn sie kannte ihn nur in seinem Büro als ihren Therapeuten. Drin. Draußen war ihre Welt. Da war sie allein.
„Wir gehen da erstmal einfach nur hin“, schlug Herr V. mit beruhigender Stimme vor.
Nur hingehen, sagte Alena zu sich selbst, damit sie nicht schlagartig umdrehte und zurück rannte.
Sie gingen die Treppe zum Bahnhof hinauf, durch die Glastür und die große Bahnhofshalle entlang bis zum Servicebereich.
In einem Glaskasten waren einige Schalter und dahinter saßen die Mitarbeiter. Es waren bestimmt insgesamt 10 Schalter und einige Reisende mit ihren Koffern waren auch dort. Das konnte man durch das Glas gut sehen.
Alena blieb stehen. Reingehen geht nicht. Herr V. blieb auch stehen und schaute sie an. „Möchtest du hineingehen?“
Alena schüttelte schnell und energisch den Kopf. Wenn sie irgendetwas tat, dann wäre das zurückgehen.
„Weißt du, was du sagen möchtest?“, fragte Herr V.
„Ich kann nicht“, antwortete sie diesmal noch gequälter. Man konnte Alena die Anspannung im Gesicht ansehen.
Um sie herum war alles taub und verschwommen. Die ganzen Geräusche klangen Meter weit entfernt.
Es war viel zu kompliziert nach einer Zugverbindung zu fragen. Es gab zig Möglichkeiten. Viel zu viele Wörter und Sätze. Und auch zig Antwortmöglichkeiten der Mitarbeiter.
Ich möchte wieder zurück, dachte Alena. Ich kann das nicht!
Aber zurückgehen war auch irgendwie nicht richtig. Nein! Sie wollte das können. Einfach wieder zurückgehen ging auch nicht. Gar nichts ging. Nicht vor und auch nicht zurück.
„Ich könnte sagen, dass ich von hier zur Schule fahren möchte. Und dass ich dazu gern eine Fahrplanauskunft hätte“, sagte Alena plötzlich.
„Das klingt gut.“
Herr V. schlug vor, einfach mal hineinzugehen. Sie könnten ja dann wieder herausgehen, wenn es nicht klappte.
Okay, Alena folgte ihm.
In dem Glaskasten war alles ganz anders. Viel ruhiger. Und die Leute standen alle in einer Schlange und warteten bis sie an der Reihe waren. Es gab viele Schalter für den Fernverkehr und einen Schalter für den regionalen Verkehrsverbund. Man hörte das Klappern von Computertastaturen.
Herr V. zeigte auf den regionalen Schalter. Dort stand kein Fahrgast und ein Mann hinter dem Tisch schaute sie an, als sie ein Stück näher kamen. Sofort drehte ihm Alena den Rücken zu und schaute nun Herrn V. an. Er schaute sie an und lächelte aufmunternd.
Es geht nicht, hätte ihr Blick jammernd zu ihm gesagt, wenn sie gesprochen hätte.
Plötzlich ging sie schnell an Herrn V. vorbei und wieder hinaus. Draußen in der Bahnhofshalle war es besser. Da schlug das Herz nicht ganz so schlimm. Herr V. folgte ihr.
„Fällt es dir leichter, wenn ich dabei bin oder draußen bleibe?“
„Draußen bleiben“, antwortete Alena leise.
„In Ordnung.“
Herr V. drehte sich um und ging einige Schritte von ihr weg. Er tat so, als wäre er einer der Reisenden und würde warten. Auf irgendwas anderes und nicht auf sie, die gerade durch die Hölle ging. Herr V. ging bis zur großen Uhr und drehte sich um, um zurück zu schauen. Sie waren jetzt schon über eine halbe Stunde am Bahnhof. Alena verpasste gerade das Mittagessen und Herr V. würde sicher auch zu irgendwas zu spät kommen.
Oh man, dachte Alena.
Die Minuten vergingen, sie stand wie angewurzelt da. Sie hatte sich keinen Schritt bewegt. Irgendwann kam Herr V. wieder zurück.
„Ich kann das nicht!“, Tränen quollen ihr aus den Augen hervor.
Er schaute sie an und reichte ihr ein Taschentuch. Er wartete, bis sie sich wieder beruhigt hatte und legte seine Hand auf ihren Arm. „Soll ich noch mal weggehen?“
„Ja“, flüsterte Alena und er drehte sich wieder um.
Alena warf einen Blick hinter das Glas. Der Mann saß immer noch allein hinter dem Schalter und wartete auf Fragen. Für ihn war das völlig normal den ganzen Tag Fragen zu beantworten.
Los jetzt! Gehen!
Und sie ging hinein. Sie ging bis ans Ende der Schalter und auf den Mann zu, der sie wieder anschaute. Sie ging immer weiter bis sie vor ihm stand.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte er.
„Hallo“, sagte Alena leise mit zitternder Stimme. Und sie sagte auch das, was sie sich vorher überlegt hatte. Dann hörte sie das Klappern der Tastatur, als der Mann ihre Verbindung in den Computer eingab. Plötzlich fragte er, wer denn der Mann sei, der vor einigen Minuten auch da gewesen war. Ob es Alenas Onkel wäre.
Oh nein. Das muss für Andere sicherlich komisch ausgesehen haben. Ein Mann, der auf ein junges Mädchen einredet, das absolut gar nicht glücklich aussieht.
„Nein“, antwortete Alena und schwieg dann. Sie konnte doch dem Mann nicht sagen, dass das ihr Therapeut war und sie doch eigentlich gar nicht sprechen konnte und das gerade übte.
Sie wartete bis die Verbindungen hin und zurück ausgedruckt waren und verabschiedete sich leise, um ganz schnell wieder aus dem Glaskasten zu verschwinden. Aber diesmal mit einem Zettel in der Hand.
Herr V. stand vor ihr, als sie wieder in der Bahnhofshalle stand. Er lächelte sie an. Und Alena strahlte beinahe. Zwar sah man ihr den Kampf, den sie gerade durchstehen musste an und sie konnte es eigentlich noch gar nicht richtig glauben, was sie soeben getan hatte, aber sie hätte bis über beide Ohren strahlen können.
„Wie war es?“, fragte Herr V. und Alena erzählte ihm von dem Mann, der fragte, wer er sei.
Herr V. lachte: „Aber es ist ja nett von ihm, dass er nachfragt und sich Sorgen macht um ein Mädchen, das von einem Mann angequatscht wird.“
Alena lächelte auch. Ja, das war es.
Sie schaute stolz auf ihren ergatterten Zettel. Oh, verdammt. Es war falsch! Es war die falsche Verbindung! Da wollte sie doch gar nicht hin. Nein, verdammt! Da musste irgendwas schief gegangen sein. Ein Missverständnis.
Sie fluchte. Das bedeutete, dass das ganze noch mal gemacht werden musste. All der ganze Mist und nun trotzdem ohne Ergebnis. Am liebsten hätte sie den Zettel vor Wut zerrissen. Alles umsonst!
„Aber du warst da. Du hast es gemacht“, erinnerte sie Herr V. stolz.
„Ja, aber…“
Ja, sie hatte es gemacht. Und wenn sie darüber nachdachte, hatte sie so etwas noch nie in ihrem Leben gemacht. Noch nie. Und eigentlich konnte man die Gespräche mit fremden Menschen auch an einer Hand abzählen. Hatte sie überhaupt jemals schon mit Fremden gesprochen?
Ja, aber es war doch die falsche Verbindung…
Ausladen
„Das schlimmste an allem ist, dass ich mit mir selbst leben muss“, dachte Alena als sie in der Dunkelheit nach Hause ging. Sie kam gerade von einer Feier, auf die sie von einer Kommilitonin eingeladen wurde. Eigentlich wollte sie gar nicht hingehen. Sie mochte Feiern nicht. Oder sie hatte einfach viel zu viel Angst, es war immer irgendwie anstrengend oder die Blockade war sowieso wieder da, sodass sie verstummte. Aber sie ging trotzdem hin. Mehr aus dem Grund, nicht die Kontakte zu verlieren, als aus Spaß.
Und mal wieder hatte sie sich grauenvoll benommen. Besser gesagt hatte sie sich gar nicht benommen, weil sie überhaupt nichts machte und das war das Problem. Es wurde gespielt, geredet und getrunken und eigentlich hörte Alena nur zu oder lächelte mit.
Sie war unsichtbar und stumm. Und das schlimmste daran war eigentlich, dass die anderen sie das nächste Mal einfach nicht mehr einladen bräuchten, wenn sie Alena nicht so akzeptieren oder sie ihnen unsympathisch war. Aber sie selbst konnte das nicht. Als könnte das einem selbst so gefallen, wenn man inmitten einer lachenden Gruppe junger Leute saß und selbst kein einziges Wort heraus bekam. Aber ja, sie konnten denken, was soll das denn und laden sie das nächste Mal einfach gar nicht mehr sein. Und sie selbst?
Am liebsten würde sie sich selbst gar nicht mehr einladen. Oder einfach ausladen, um nichts mehr mit sich zu tun haben zu müssen.
„Ich will mich nicht mehr haben, mich selbst nicht dabei haben“, dachte Alena unter dem Sternenhimmel. Wenn es doch nur so leicht wäre, wie andere Menschen es haben. Einfach ausladen. „Ich will mich selbst nicht mehr haben. Aber ich muss. Tagtäglich muss ich mich immer wieder dabei haben. Ich will mich nicht.“
Schreiben
Marie kramte die Stifte aus der Stiftebox und verteilte sie auf dem Tisch. Sie holte sich noch zwei leere Blatt Papier und kletterte auf den Stuhl.
Sie war wütend. Sehr wütend. Alle anderen Kinder ihrer Gruppe spielten gerade draußen und sie musste drin bleiben. Sie konnte das Geschrei durch die geöffneten Fenster hören. Sonnenstrahlen wärmten ihren Rücken. Frau Weitzel saß an ihrem Schreibtisch und spähte ab und an durch die Bürotür zu Marie. Das war Maries Bestrafung. Und alles nur, weil Johanna und Annika sagten, dass sie es gewesen sei, die die Schüssel mit dem Obstsalat in der Küche herunter geworfen hätte. Aber das stimme gar nicht. Sie kam nur zufällig an der Küche vorbei, als sie den Lärm von klirrendem Geschirr in der Küche hörte. Und da lag er dann zwischen Scherben, der ganze Obstsalat, den es am Nachmittag geben sollte. Annika und Johanna rannten wild aus der Küche und als Frau Weitzel vom Lärm aufgeschreckt wurde und nachschaute, stand da nur Marie. Sie fragte, was das solle und plötzlich kamen Johanna und Annika wieder zur Tür herein. Sie behaupteten gesehen zu haben, wie Marie unerlaubterweise in die Küche schlich. Es gab Diskussionen und Tränen, denn Frau Weitzel merkte, dass Johanna und Annika etwas verheimlichen wollten. Und da es niemand zugab, mussten alle drei heute Nachmittag drin bleiben.
Über das Papier gebeugt, malte Marie zwei Mädchen. Das eine bekam rote und das andere blonde Haare. Es sollten Johanna und Annika sein. Marie malte viele kleine Bilder. Es sah aus als würde sie mit den großen Stiften eine Bildergeschichte malen. Die strubbeligen Locken fielen ihr in das Gesicht.
In Gedanken schimpften sie vor sich hin. Am liebsten hätte sie geschrien, dass Johanna und Annika lügen. Dass sie gar nicht in der Küche war, sondern nur den Lärm gehört hatte und nachschaute. Aber sie tat es nichts. Sie tat gar nichts.
Marie wünschte sich schreiben zu können. Dann hätte sie das alles aufschreiben können. Dann hätte sie der Erzieherin schreiben können, dass sie es gar nicht war. Irgendwie fand sie die Buchstaben magisch. Wie toll es wohl sein muss, wenn man Buchstaben auf Papier malen kann und andere verstehen, was man sagen will ohne zu sprechen. Dann hätte sie jetzt keine Bildchen malen müssen, die niemand verstand, sondern hätte geschrieben. Sie wollte schreiben lernen. Sie konnte es kaum erwarten in die Schule zu gehen und zu lernen, wie man das, was im Kopf ist, aufschreibt. Sie beneidete die großen Mädchen. Darum, dass sie die vielen schönen, bunten Büchern mit dem Schloss und dem passenden Schlüssel dazu kaufen und hinein schreiben konnten. Ihre Mutter erklärte ihr einmal im Geschäft, dass dies Tagebücher seien, als Marie fragte, warum das Buch einen Schlüssel hat. Ein Tagebuch, sowas wollte sie auch haben.
Jedoch war Marie erst fünf und ging noch in den Kindergarten. Sie konnte nur ihren Namen schreiben. Und bis sie richtig schreiben konnte, würde es noch ewig dauern. Zu lang. Aber sie schwor sich, dass sie es aufschreiben würde, sobald sie schreiben kann. Und dann würde jeder wissen, dass sie die Schüssel in der Küche nicht herunter geworfen hatte. Und damit sie es nicht vergaß und sich erinnern konnte, malte Marie eben die Bildchen. Ja, sie würde schreiben lernen.

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