Die Wut hämmerte gegen Alenas Schädel.
Wie ein Mensch nur mit sowas klar kommen sollte, überlegte sie während sie die Hände zu Fäusten ballte.
Mit dieser verdammten Wut, weil man so war, wie man war und so elementare, lebenswichtige Dinge nicht konnte, wie zum Beispiel Sprechen.
Das war so, als könnte man nicht immer laufen. Als könnte man nur bestimmte Wege gehen und bei anderen Wegen würden die Beine versagen und keinen einzigen Schritt mehr vorwärts gehen.
Und während sie so daran dachte, fiel ihr ein, wie bescheuert das Beispiel eigentlich war.
Es gab keine Menschen, denen die Beine bei bestimmten Wegen versagten! Und genauso gab es wahrscheinlich keinen einzigen Menschen außer ihr, der nicht sprechen konnte, obwohl er es eigentlich doch konnte. Nur eben nicht immer.
Das war doch niemandem zumutbar, dachte Alena und spürte, wie ihre Finger vor Wut über sich selbst kribbelten. Und es konnte ihr niemand erzählen, dass damit jemand klarkommen würde. Wenn man etwas gefragt wird und man keinen einigen Ton heraus bekommt. Dabei wäre die Antwort leicht gewesen. Und auch kurz. Aber nichts bewegte sich. Die Lippen waren aneinander gefroren.
Und dann sollte man auch noch selbst akzeptieren, dass es so war. Dabei war es beschissen so! Richtig beschissen! Nein, sogar mehr als das…
Äußerlich sah Alena ganz ruhig aus. Eben wie eingefroren. Unbeweglich und starr. Innerlich bebte sie vor Zorn über ihr Schweigen.
Am liebsten wäre sie aufgesprungen und fortgerannt. Ihre Arme waren warm. Als wären sie schon bereit, damit sie sich selbst ohrfeigen konnte. Denn das hätte Alena am liebsten getan. Sich bestraft. Anders ging das auch nicht. Wie konnte man sonst damit aufhören? Gut oder akzeptabel war alles andere, nur das nicht!
Eigentlich hätte sie Prügel verdient, wie das damals in Schulen war, wenn die Kinder nicht gehorchten. Dann gab’s da den Rohrstock und den hätte sie jetzt auch verdient. Weil… Ihr Kopf wurde warm. Weil… Weil sie sich einfach hasste! Sie hasste das, was sie tat und hätte man einfach nur einen Knopf drücken müssen, mit dem man das Leben ausschaltete, hätte sie es getan. Denn so wollte niemand leben! Wenn man etwas konnte, was man eigentlich nicht konnte, aber dann doch wieder konnte. Sogar der Gedanke daran, war zu absurd und kompliziert.
Am liebsten wäre sie nach Hause gegangen – ihre Unterarme kribbelten – und hätte sich mit den Rasierklingen in die Haut geschnitten. Ganz kleine Schnitte, bis der Arm mit Blut verdeckt war. Danach war es immer besser. Die Wut war weg. Weil danach die Arme schmerzten und brannten. Dann war im Kopf kein Platz mehr für die Wut. Aber das ging jetzt nicht. Und am liebsten hätte sie nicht nur in die Arme geschnitten, sondern hätte sich gern komplett aufgeschnitten. Das ganze Fleisch.
Krank? Ja, das klang furchtbar krank. Aber ja verdammt nochmal, das war es! Es war furchtbar krank etwas nicht zu können, obwohl man es doch so sehr wollte. Klar konnte man nicht alles haben, was man wollte. Aber es ging doch nur um’s Sprechen. Das was jeder kann. Nur Sprechen.
Ja klar war das krank, sich aufschneiden zu wollen! Aber wenn mir einer, nur einer, eine gottverdammte Möglichkeit sagt, wie man mit selektiven Mutismus selbst klarkommen kann, wie man mit sich selbst im Reinen ist, wenn man ständig so scheitern muss, dann sagt es mir, verdammt, schrie Alena innerlich.
Selbsthass
Das erste Mal
(und hier das letzte Mal)
Alenas Mutter setzte den Blinker und bog rechts in die Straße ein. Die Straße war durch die vielen Bäume ziemlich dunkel. Fast schon düster wirkte sie. Alena kniff die Augen zusammen. Die Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, weil über den großen, dicken Bäumen die Sonne vom Himmel schien.
Dafür wirkte das Gebäude der psychiatrischen Klinik umso heller. Es war ein grelles Gelb, das da hinter den Bäumen hervor sprang.
Ihre Mutter parkte das Auto und zusammen gingen sie zur Klinikanmeldung, die in einem weißen Gebäude nebenan war. Die Frau hinter dem Tresen sagte, es dauerte noch einen Moment, sie würde auf der Station bescheid geben, dass Alena da wäre.
Warten. Gut, also warten.
Nach einer Weile kam ein großer, ein bisschen schlaksiger Mann durch die Glastür am anderen Ende des Warteraums. Er lächelte freundlich und fragte, ob sie Alena sei.
Sie nickte.
Er streckte ihr die Hand hin, die sie entgegen nahm.
„Hallo, ich bin Herr V.“, sagte er. „Der behandelnde Psychotherapeut der Station 3.“
Er schüttelte auch Alenas Mutter die Hand und bat ihm zu folgen.
Sie gingen in sein Büro.
Das Büro lag im zweiten Stock des gelben Gebäudes.
Herr V. schloss die Tür auf und bot ihnen einen Sitzplatz an. Rechts, in der Ecke seines Büros stand ein runder, heller Tisch. Drumherum vier genauso helle Stühle mit einem blaugrauen Sitzpolster.
Alena setzte sich direkt an die Tür. Das fühlte sich besser an. So hätte sie einfach wieder gehen können. Ihre Mutter rechts und Herr V. links neben ihr. Oder besser gesagt, saß er ihr schon fast gegenüber.
Hinter Herr V. war sein Schreibtisch und dahinter, da war das Fenster. Links war ein großer Bücherschrank, genauso hell, wie die anderen Möbel und rechts war auch schon die Wand. Das Büro war also nicht sehr groß.
Herr V. hatte mittlerweile das Gespräch begonnen. Er hatte sich noch einmal genau vorgestellt und sagte, dass er das Aufnahmegespräch führte.
Warum möchtest du hier eine Therapie machen, Alena?”
Pah! Wollen?! Hab’ ich denn eine andere Wahl, wenn man so, wie es ist nicht mehr klar kommt? Man will keine Therapie machen. Eine Therapie muss man nur machen wollen, damit es besser wird. Hätte ich irgendwas gewollt, dann wäre das ein anderes Leben! Und keine Therapie!
“Alena?”
Schweigen.
Ja, weil das war ja das Problem, dachte sie und schwieg.
Irgendwann antwortete ihre Mutter “weil sie nicht spricht” und dann beantwortete sie eigentlich auch die ganzen anderen Fragen, die Herr V. für die Anamnese stellte.
Das einzige, was Alena sagte war “siebzehn”. Siebzehn, weil sie siebzehn Jahre alt war.
Der Boden war hässlich. Er stach einem, in diesem Büro, eigentlich sofort ins Auge. Viel zu dunkel und blau. Und viel zu gepunktet auch. Schlimm.
Und Herr V., der war auch irgendwie komisch. Freundlich war er, aber irgendwie war er eigenartig. Sie wusste nicht warum, aber wenn Psychologen komisch waren, dann war er eben ein Psychologe und einfach nur komisch. Von seiner Art.
Das Gespräch machte sie wütend. Ihre Mutter erzählte und erzählte. Erzählte vom Kindergarten, von der Schule und von zu Hause. Und eigentlich erzählte sie alles falsch! Jedenfalls nicht so, wie es Alena selbst erzählt hätte, weil es für sie eben ganz anders war!
Herr V, er hätte es spüren müssen, dass alles ganz falsch war!
Nein, eigentlich hätte sie alles selbst erzählen müssen! Und natürlich konnte sie mal wieder nicht sprechen. Was auch sonst?!
Der Kopf war voll mit Gedanken, nur die Worte im Mund dazu fehlten. Da war nichts! Keine drin! Wie immer eben.
Scheiße, war alles!
Das Gespräch dauerte nicht lange. Zum Schluss fragte Herr V., ob Alena sich denn eine stationäre Therapie hier und ihn als Einzeltherapueten vorstellen könnte.
Ja, eine andere Wahl hatte sie doch nicht oder? Vielleicht würde es durch eine Therapie besser werden. Ja, vielleicht.
Also dann. Willkommen in der Klapse und hallo Herr V.
Alena nickte.
Oma sein
Marie bewunderte ihre Oma. Weil Omas das Leben geschafft hatten. Da war eigentlich gar nichts mehr kompliziert und schwierig. Omas hatten alles gehabt, was sie wollten. Sie hatten irgendwo bei ihrer Familie eine kleine Wohnung mit einem Haustier und vielleicht einem kleinen Garten. Und Rente bekamen Omas auch.
Sie wünschte sich Oma zu sein. Ihre Oma, die war zu Hause. Dort kochte sie und putzte, ging spazieren, besuchte Freunde, las oder schaute fern. Oder strickte, das machte ihre Oma gern. Ob alle Omas stricken mögen oder ob sie nur stricken, weil Omas eben immer stricken?
Jedenfalls mussten sie nicht mehr zur Schule gehen und all die komischen Aufgaben, die mussten Omas auch nicht mehr machen. Vorlesen, vorrechnen oder Sportunterricht, den hatte Maries Oma auch nicht mehr. Hatte sie überhaupt Sport gehabt? Damals, da war das ein bisschen anders gewesen. Vielleicht hatten die Kinder damals ja gar keinen Sportunterricht. Dann hätte sie am liebsten damals gelebt.
Eigentlich konnte Marie es kaum erwarten, alt zu sein. Denn dann konnte sie nur das machen, was ihr Spaß machte und das Leben war beinahe vorbei gewesen bis man irgendwann einfach einschlief und nicht mehr aufwachte. Dann war auch die Angst zu Ende und es war egal, ob sie sprach oder nicht. Am liebsten wäre ihr gewesen, wenn ihr Leben schon fast zu Ende war.
„Du kannst das nicht!“
Es machte Alena wütend, wenn die Menschen sie schräg anschauten, weil sie Dinge wollte, die man ihr nicht zutraute. Natürlich sagten sie ihr nicht direkt ins Gesicht „du kannst das doch gar nicht“ oder „das ist nichts für schüchterne Menschen“. Aber Alena spürte jedes Mal, dass sie es dachten, wenn sie von ihren Plänen erzählte. Weil sie komisch schauten.
Dann müsste sie eigentlich immer erklären, dass sie nicht schüchtern war, sondern dass das Mutismus war. Und Mutismus war etwas völlig anderes als Schüchternheit. Aber sie tat es nicht. Das wäre zu kompliziert gewesen.
Vielleicht wussten schüchterne Menschen, was sie sagen sollten und trauten sich nur nicht. Aber Alena wusste überhaupt nicht, was sie sagen sollte. Sie war blockiert. So als wüsste sie bei fremden Menschen nicht, wie man die Lippen bewegte und Worte formte. Und so als hätten die Stimmbänder vergessen, wie sie Töne produzierten. Schüchterne wussten das noch und sie war nicht schüchtern.
Und weil sie nicht schüchtern war, war es noch schwieriger das zu akzeptieren. Deswegen lies sie sich überhaupt nicht sagen, was für sie funktionierte und was nicht.
Was sollte sie auch anderes tun? Gleich aufgeben ohne es versucht zu haben? Sich ein anderes Leben aussuchen? Vielleicht klappt’s ja. Ich hätte gern ein neues Leben, dachte sie. Sterben? Das mit dem Sterben, das hatte sie schon versucht und hilfreich war es auch nicht und der Rest war blödsinnig.
Hätte sie auf all die Menschen gehört, dann wäre sie sicherlich irgendwo anders. Weil schweigende Menschen können keine Referate halten, keine mündlichen Prüfungen bestehen, also auch kein Abitur machen und arbeiten auch nicht. Schweigende, kranke Menschen machen dann irgendwas, nur nicht das, was normale Menschen machen.
Aber sie können’s. Oh doch, sie können’s!
Sie können alles. Schwieriger und anstrengender.
Aber sie können’s!
Die mündliche Abschlussprüfung
„Wie geht es dir?“ fragte Herr V. lächelnd.
Alena grinste. Sie zuckte mit den Schultern. Wie ging es ihr?
Ja. Gut. Ich glaube gut, dachte sie.
„Wie war die Prüfung?“ fragte er neugierig, immer noch lächelnd, weil er merkte, dass die Prüfung offenbar gut verlaufen war. Jedenfalls schaute sie nicht unglücklich.
„Ging so“, antwortete Alena kurz.
Er schaute fragend „ging so“?
Und dann plapperte sie los und erzählte, was alles nicht so gut war. Erzählte, dass sie sich einmal total verrechnet hatte und es nicht merkte. Noch nicht einmal als ihr Mathelehrer sie danach fragte und sagte, sie solle es mal genau an die Tafel schreiben. Nichts. Sie merkte es nicht. Eigentlich war es nicht so schlimm. Eine Zwei hatte sie insgesamt bekommen. Aber es war ärgerlich, weil es ein dummer Fehler war und die Note ansonsten besser gewesen wäre. Und sie erzählte davon, wie ihr Mathelehrer am Schluss sagte, dass er sie noch nie so viel reden gehört hatte und dass es schade wäre, dass er es jetzt zum Schluss erst hörte. Ja ärgerlich. Hätte sie die ganze Zeit im Unterricht schon gesprochen, dann wäre die Note super gewesen. Und sie erzählte auch davon, wie sie nach der Prüfung mit einem Klassenkameraden den Nachmittag verbrachte, weil es nicht lohnte die 20 Kilometer mit dem Auto nach Hause zu fahren und dann später wieder hinzufahren, weil die schriftlichen Abschlussnoten bekannt gegeben wurden. Sie hatte sich mit ihm noch nie unterhalten und deshalb erzählte sie manchmal unsinnige Dinge. Nach ihrer Meinung jedenfalls. Und dann erzählte sie Herrn V. auch noch davon, wie ihre Klassenlehrerin freudestrahlend auf sie zu kam und ihr zur bestandenen Fachhochschulreife gratulierte und sagte, wie prima sie es fand. Weil Alena doch nicht sprechen konnte und gerade die mündliche Prüfung so gut gelaufen war, mit einer Zwei. Aber Alena war so gerührt und glücklich, sodass sie sich nicht vernünftig bedanken konnte und sich irgendwas in den Bart murmelte. Und das könnte unhöflich sein und deshalb ärgerte sie sich, weil sie nicht laut und deutlich sprach und auch gar nicht genau wusste, was sie sagen sollte.
Herr V. grinste. Er grinste einfach nur. Und Alena erzählte. Erzählte, was alles falsch war und wieso und was hätte anders sein müssen. Aber Herr V. grinste weiter. Und dann stockte sie und musste plötzlich auch lächeln. Bis über beide Ohren. Weil eigentlich gar nichts falsch war. Weil sie die mündliche Prüfung – das Horrording – mit selektiven Mutismus bestanden hatte und nun rein theoretisch – praktisch nicht – studieren konnte. Daran war überhaupt nichts falsch. Und dann lächelten sie zusammen.
Du bist verrückt!
Deutschunterricht. Frau K. unterrichtete heute.
Eigentlich war Frau K. für Timo, einen Mitschüler von Kevin da, der im Rollstuhl saß. Timo hatte eine leichte Lernschwäche und deshalb betreute ihn Frau K. einige Stunden in der Woche.
Frau K. arbeitete noch an einer anderen Schule, denn sie war eigentlich Lehrerin an einer Sonderschule. Aber heute übernahm sie als Krankheitsvertretung den Deutschunterricht.
Das Thema war Eduard Mörike. Eigentlich nahmen sie im Deutschunterricht gerade etwas anderes durch, aber Frau K. war der Meinung, dass es nicht schaden könnte etwas über bekannte deutsche Lyriker zu wissen.
Sie teilte verschiedene Arbeitsblätter aus. Einen Steckbrief und verschiedene Blätter mit seinen Werken, die vorgelesen werden sollten.
Wahrscheinlich war Eduard Mörike und vorlesen das einzige, was sie für heute vorbereitet hatte, dachte Kevin während eine Mitschülerin den Steckbrief laut vorlas.
Nach dem Steckbrief wurden “Er ist’s” und “Septembermorgen” vorgelesen und dann ein Auszug aus “Idylle vom Bodensee”.
Plötzlich sagte Frau K.: “Kevin, liest du bitte weiter!”
Nicht auch das noch, dachte Kevin.
Normalerweise hatte er Glück. Er wurde selten dran genommen. Vorallem von Frau F., die sonst Deutsch unterrichtete. Vielleicht, weil sie wusste, dass Kevin nicht sprach und ihn nicht quälen wollte. Aber Frau K. wusste es auch. Sie nahm ihn trotzdem dran. Vielleicht weil sie der Meinung war, dass man in der Schule sprechen muss. Muss man ja eigentlich auch, aber in diesen Momenten war es Kevin gleichgültig, was am Ende des Schuljahres mit den Noten passierte, wenn er mündlich nicht mitarbeitete.
“Kevin, du bist dran mit lesen”, sagte sie diesmal etwas energischer.
Kevin saß starr auf seinem Platz und schaute mit gesenktem Kopf auf das Blatt mit den vielen Buchstaben. Sein Mund war geschlossen. Nur sein Brustkorb hebte und senkte sich leicht, wenn er ein und ausatmete.
Irgendwann, dann gaben die Lehrer auf. Weil sie konnten ja nicht ewig warten, bis Kevin endlich sprach. Und eigentlich war es auch Zeitverschwendung gewesen, denn wenn Kevin am Anfang nicht sprach, dann sprach er auch nicht, wenn gewartet wurde. Denn dann war es nur viel schwieriger aus dem Schweigen auszubrechen.
“Kevin, wir warten!”, sagte sie wieder und schien sichtlich verärgert und verständislos, warum er denn nicht vorlesen konnte.
Kevin wusste nicht, warum es diesmal nicht funktionierte. Eigentlich konnte er vorlesen. Jedenfalls war vorlesen viel leichter als frei sprechen, weil jedes Wort schon vorgeschrieben dort auf dem Blatt Papier stand. Aber irgendwie funktionierte es diesmal nicht. Vielleicht weil die Worte bei diesem Text so komisch waren? So altmodisch und Worte, bei denen man sich schnell verlesen konnte. Er wusste es nicht…
Und mittlerweile war so viel Zeit verstrichen, in der er schon schwieg, sodass das Sprechen nun ganz automatisch nicht mehr funktionierte.
“Kevin?!”
Stille und noch nicht mal ein Zucken.
“Du bist verrückt! Ich verstehe nicht, wie man sich nur so weigern kann vorzulesen. So ruinierst du dir doch nur deine mündlichen Noten!”, sagte Frau K. plötzlich verärgert.
“Versteht ihr das?”, fragte sie an die Klasse gerichtet ohne eine Antwort zu erwarten.
“Ich habe Sonderpädagogik studiert, aber sowas habe ich noch nie erlebt. Das gibt’s nicht…”
“Annika, liest du bitte weiter”, sagte sie nach einer Weile und Annika begann zu lesen.
Noch immer schaute Kevin auf den Text und rührte sich nicht. Er presste die Lippen fest aufeinander. Seine Gedanken waren voller Wut.
Wie konnte diese blöde Kuh so etwas sagen?
Verrückt.
Sonderpädagogik studiert. Wo denn?
Den Abschluss im Lotto gewonnen?
Wenn sie doch Sonderpädagodik studiert hatte, hätte sie doch von selektiven Mutismus wissen können! Oder sie hätte sich zumindest für verhaltensauffällige Schüler interessieren und recherchieren können, woran das liegt.
Psychologie nennt man das. Man sagt Schülern nicht, dass sie verrückt sind!
Sonderpädagogik… du mich auch!
Hätte ich keinen Mutismus, dann… ja dann…, dachte Kevin und versuchte sich zu beruhigen.
Verrückt. Ja verrückt, weil man nicht sprechen kann. Weil jeder doch sprechen kann.
In der Psychiatrie
Eigentlich hätte nur noch das Nachthemd gefehlt und dann wäre jedes Klischee, was man über Menschen in einer Psychiatrie hat, erfüllt gewesen. Dann wäre Alena eine wandelnde Geistesabwesende gewesen mit Augenringen, blasser Haut, einem mageren Körper und Haaren, die ihr wild ins Gesicht fielen.
Aber das war nicht so, weil sie psychisch krank war, sondern das war so, weil eine Therapie katastrophal schwierig und kompliziert war. Vor der Therapie, da kam sie irgendwie zurecht. Es war nicht schön so, aber es funktionierte. Weil Menschen ihr Verhalten anpassen und kleine Überlebenskünstler sind, wenn sie es sein müssen.
Aber nun war alles aufgewühlt und umgegraben. In Wunden gebohrt und nichts war mehr an seinem Platz.
Innerlich, da war es schlimm. So schlimm, sodass man es äußerlich sehen konnte. Es war so, als wollte Alena diesmal nicht nur innerlich für immer einschlafen, sondern auch äußerlich. Es war einfach alles müde, auch der Körper. Da musste man auf einmal nicht mehr Essen und Schlafen, weil es dafür keine Kraft mehr gab.
Früher, da hatte es eben funktioniert, das Leben. Und nun funktionierte gar nichts mehr. Das Sprechen funktionierte sowieso nicht. Aber das Nichtsprechen nun auch nicht mehr! Und alle Gedanken, Ansichten und Weltbilder waren plötzlich anders.
Alles war furchtbar aufgewühlt. Im Wandel. Oder eben doch nicht. Jedenfalls war es nicht mehr so, wie es war. Entweder ging es vor oder es ging gar nicht mehr. Gar nicht mehr sollte es eigentlich nicht gehen und vor war furchtbar schwierig.
Und deswegen sahen die meisten Menschen nicht so aus, weil sie krank waren und in eine Psychiatrie mussten, sondern, weil sie in einer waren.
Der Chemielehrer
Es war Samstagmorgen. Kevin wollte zum Bäcker. Das konnte er mittlerweile, beim Bäcker sagen, was er kaufen wollte.
Schon auf dem Weg dorthin sah er ihn, wie er sich mit einem älteren Mann auf der Straße unterhielt – Herr S., sein ehemaliger Chemielehrer.
Er mochte ihn nicht. Wenn Kevin an ihn dachte, fielen ihm nur böse Worte ein, die man lieber nicht sagen sollte. Er mochte ihn wirklich nicht.
Und Herr S. ihn sicherlich auch nicht. Das glaubte Kevin jedenfalls.
Aber ganz sicher war, dass Herr S. nicht mochte, wenn Kevin nicht sprach. Wenn er ihn im Unterricht ansprach und Kevin nicht antworten konnte. Für Herrn S. gab es selektiven Mutismus nicht und weil Kevin nicht sprechen konnte, nahm er ihn mindestens einmal in jeder Unterrichtsstunde dran.
Kevin glaubte, er fand es amüsant ihn zu quälen. Und er quälte ihn.
Einmal musste er vier Seiten aus dem Chemiebuch am Stück vorlesen, während auf dem Schulhof ein Bagger arbeitete. Es war schrecklich mit seiner Stimme gegen diesen Lärm anzukämpfen, weil Kevin immer sehr leise sprach. Aber Herr S. lies ihn lesen und lesen und lesen.
Und ein anderes Mal nahm er seine Fehler vor der ganzen Klasse auseinander. Ritt ewig darauf herum und am liebsten wäre Kevin im Boden versunken.
Die dümmsten und schwierigsten Fragen waren für Kevin. Damit er erst recht nicht antworten konnte und damit Herr S. immer und immer wieder einen Grund hatte zu zeigen, dass Kevin nicht sprach. Motivieren wollte er ihn nicht. Denn dann hätte er verstehen wollen, was selektiver Mutismus ist.
Kevin mochte ihn also wirklich nicht. Und er verabscheute es, wie Herr S. immer sagte “warum in die Ferne schweifen, wo doch liegt das Glück so nah.” Er hasste diesen Spruch. Er hasste ihn einfach. Und der Spruch lag ihm noch heute in den Ohren. Mit dieser grässlichen Stimme von Herr S.
Und dann stand Herr S. plötzlich auch noch neben Kevin in der Bäckerei.
Kevin hatte ihn sofort erkannt, auch wenn schon einige Jahre vergangen waren, seitdem er sein Chemielehrer war.
Herr S. hatte sich nicht verändert, gar nicht. Nur dünner geworden war er. Sein riesiger Bauch war weg. Vielleicht hatte es ihm sein Arzt gesagt. Diabetes, Bluthochdruck und solche Sachen.
Ja, da stand er. Und auch er erkannte Kevin. Er schaute ihn an. Direkt in seine Augen schaute Kevin. Und Herr S. schaute weg. Dann sah er wieder hin und wieder weg. Kevin fixierte ihn dagegen mit seinem Blick. Seine Augen waren tief, fast hypnotisch schaute er Herr S. an.
Herr S. wechselte schnelle Blicke. Kevin spürte es genau. Es war ihm nicht geheuer. Seine Augen, sie sahen so aus, als hätte er Angst vor Kevin. Hatte er wirklich Angst?
Die Situation war nicht schön für ihn. Er war Kevin unterlegen. Und das spürte er, da war Kevin sich sicher. Endlich. Er war so klein und Kevin so groß. Riesengroß war er.
Herr S. sagte nichts. Andere Lehrer hätten vielleicht, hallo, wie geht es dir gesagt. Und auch Kevin sagte nichts, sondern schaute ihn nur an. Er schaute kein einziges Mal weg. Es war Herr S. unangenehm. Ihm nicht.
Vielleicht hätte Kevin ihn ansprechen sollen. Hallo, Herr S. Hätte ihm sagen sollen, dass er der schlechteste Lehrer der Welt ist und was aus Kevin geworden ist. Dass er nun groß ist und kein kleiner Junge mehr. Und dass es bald seine Ausbildung beenden wird.
Aber er sagte nichts. Er hätte es gekonnt. Aber dann wäre Kevin unhöflich und böse geworden. Außerdem hatte er seine Worte gar nicht verdient. Nur den Blick. Früher konnte er Herr S. nicht anschauen. Vor Angst. Und heute machte er ihm Angst. Herr S., er war so klitze klein. Und Kevin, der war riesengroß.
Plötzlich musste Kevin lächeln. Ja, diesen Kampf hatte er nun gewonnen.
Das Leben mit einer Diagnose
Einige Monate, nachdem Alena die Therapie begann, hatte Herr V. das Wort selektiven Mutismus gesagt. Es war eigentlich gar kein Gespräch über die Diagnose, sondern er erwähnte das Wort nur im Zusammenhang mit ihrem Schweigen. Und eigentlich hatten sie auch später nie über die Diagnose gesprochen. Herr V. erklärte nie, was Mutismus war und Alena fragte auch nicht nach.
Das musste sie nicht.
Nach dieser Woche fuhr Alena am Wochenende nach Hause. Das war auf dieser Station so, dass man das Wochenende zu Hause verbrachte. Und dort durchforstete sie dann das Internet nach dem Wort Mutismus. Sie las alles, was es zu lesen gab. Sogar ein Forum gab es, wo Betroffene von ihrem Mutismus schrieben. Und bei jedem Satz dachte sie, ja, das bin ich. Alles passte genau. Jedes Wort.
Mutismus heißt das also. Mu – tis – mus. Komisches Wort.
An diesem Wochenende hatte Alena das erste Mal das Gefühl irgendwie „normal“ zu sein. Es gab einen Namen für das, was sie jahrelang schon tat, nämlich nicht sprechen können, obwohl sie es eigentlich doch konnte. Zum ersten Mal fühlte sie sich ein bisschen weniger verrückt.
Sie hatte sich die Probleme also nicht einfach nur ausgedacht und stellte sich nicht nur besonders schlimm an. Da gab’s wirklich eine Krankheit, bei der man nicht sprechen kann, obwohl man eine Stimme hat. Alena hatte also ein echtes Problem mit Namen und sogar einem ICD-10 Schlüssel (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). Das war eine echte, richtige Krankheit.
Unzählige Steine plumpsten Alena von der Brust. Vielleicht war sie nun ein bisschen gerettet. Mit einer Diagnose. Einem Namen. Mit selektiven Mutisms.
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