#63

Vor einer ganzen Weile schon erzählte mir eine Kollegin, dass sie mich beneiden würde. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, aber irgendwie fielen diese Worte. Ich fragte sie, warum und hatte – weil ich mich manchmal mögen kann – mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Sie beneidet mich, weil ich meinen Chef hin und wieder sage, dass ich keine Meinung habe und erst mal genauer darüber nachdenken muss. Und zwar so selbstbewusst und überzeugt davon, als sei es völlig in Ordnung, mal keine Meinung zu haben. Okay.

Ich musste aufpassen, dass ich nicht bis über beide Ohren grinste und meine Reaktion nicht ein bisschen zu viel gewesen wäre. Aber wie man mich d a f ü r bloß beneiden kann, weiß ich bei weitem nicht. Das wäre das letzte, weshalb ich beneidenswert sein könnte. Weil indirekt beneidet sie mich für den Mutismus. All diese Sätze sind zurecht gelegt. Dämliche zurecht gelegte Sätze, die inzwischen wie aus der Pistole geschossen kommen, als – ja, als was? Als wären sie völlig in Ordnung. Und vor allem selbstbewusst. Denn – und daran habe ich noch nie gedacht – wer sagt seinem Chef, dass es jetzt gerade nicht geht und erzählt nicht doch einfach irgendwas, nur weil er jetzt was erzählen muss, obwohl es besser wäre, darüber nachzudenken? Ja ich. Weil ich tatsächlich erst für mich alleine nachdenken muss, um kein gedankliches Blackout zu haben. Um überhaupt sprechen zu können.

In Wahrheit sind diese Sätze also die pure Verzweiflung dafür, dass ich jetzt nicht sprechen kann. Immer noch nicht. Nur schöner verpackt und nicht in Schweigen gehüllt. Aber sie haben noch immer die gleiche Bedeutung. Sie sind Verzweiflung, die ich offenbar mehr als gut zu überspielen gelernt habe. Wertvolle Sätze, die mich Jahre gekostet haben, damit sie überhaupt funktionieren. Jedes einzelne Wort davon. Und so wird aus Mutismus auf einmal Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein, dass ich eben genau jetzt einfach mal gar nichts sage. Punkt. Das ist ein sehr erstaunliches Ding. Mutismus ist Selbstbewusstsein.

#62

Die Klinik wurde abgerissen. Alles weg. Das letzte Bisschen, was noch übrig war, ist weg. Dabei dachte ich, Steine sind weniger vergänglich. Nicht so wie Menschen. Ein bisschen beständiger. Aber das ist nicht so. Sein Büro. Diese vier Wände mit dem Fenster, durch dass ich stundenlang auf das gegenüberliegende Backsteingebäude starrte. Einfach weg. Dem Erdboden gleich gemacht, als wäre es nie da gewesen. So wie Herr V. Einfach alles weg.

Ich war schon ewig nicht mehr in dem Teil dieser Stadt. Einfach, weil es zu weh getan hätte. Aber jetzt kann ich gar nicht mehr hingehen. Selbst, wenn ich gewollt hätte. Es war das letzte, was irgendwie noch übrig war. Mich daran erinnerte, dass es ihn mal gegeben hatte. Es gibt kein Grab, kein Nichts. Er ist nur noch in meinem Kopf. Manchmal mehr, manchmal weniger. Bis er auch dort irgendwann vollkommen verschwinden wird. Nichts mehr übrig. Ein Teil meines Lebens ist abgerissen.

#61

Bei all dem Machen und Tun und Müssen fehlt etwas. Ich fehle. Ich weiß nicht mehr wohin. Nicht wozu und auch nicht weshalb. Wie oft lag ich früher stundenlang auf dem Rücken und habe an Wände und Decken gestarrt. So wie die letzte Nacht, auch wenn die Augen normalerweise schon längst zugefallen wären. Um sich zu überprüfen. Um zu sehen, ob noch alles an Ort und Stelle ist. Ob alles übereinstimmt. Und um dann am Ende festzustellen, dass gar nichts mehr übereinstimmt.

Irgendwo hier habe ich geschrieben, dass es gut so ist. Dass es gut tut, inzwischen nicht immer alles im Detail bedenken zu müssen. Dass es gut ist, wenn der Alltag immer mehr Platz einnimmt und am Ende des Tages keine Zeit mehr dafür übrig ist. Aber wie schnell geht dabei etwas verloren. Ja, vielleicht ist es gut. Vielleicht aber auch nicht.

Momentan bin ich viel zu sehr mit meiner Hülle beschäftigt. Und auch das ist gut. Ich achte auf das Essen. Sehe dabei zu, wie sich der Körper verändert. Ich laufe. Ich renne davon. Oder renne vorweg. Oder irgendwohin. Was auch immer. Und ich möchte mehr davon. Jeden Tag. Ich möchte die 21,0975 Kilometer und das ist gut so. Weil dann werde ich es tun. Aber wozu führt das. Wo bin ich in dieser Hülle und wo ist der Rest, der mir gut tut. Wo sind meine Buchstaben. Wo bin ich dabei. Wer bin ich geworden. Kennst du mich.

Ich möchte ans Meer. Ich möchte an diesem endlos weiten Strand rennen und in den Wind und in die Wellen schreien. Schreien, dass ich wie so oft nicht mehr weiter weiß und eigentlich schon lange nicht mehr kann. Mit meinen pink-schwarzen Laufschuhen. Ich möchte den endlosen Strand entlang rennen, bis ich weiß, wo genau ich hin muss. Bis ich gefunden habe, wie ich wieder kann und natürlich wieder werde. Ich möchte auf einer Düne liegen und Wind und Wellen um mich herum toben hören. Und hoffen, dass sie alles mitnehmen – was sie aber nie tun werden. Solange bis ich eingeschlafen bin.

Ich möchte dann, wenn niemand mehr da ist und ich das Gesicht im dicken Lieblingspulli vergraben kann. Dann, wenn die Sonne wärmt und man den Winter bald riechen kann. Dann, wenn alle nicht mehr wollen, möchte ich das, was mir gut tut. Ich möchte mit meinem Rucksack die Pfade finden, die niemand mehr gehen will. Und ich möchte in einer skandinavischen Stadt sitzen und diesen Kaffee trinken mit Bullar, Boller, Pulla, Kaka, Kage oder in welchem Land auch immer ich bin. Dann dabei zusehen wie alles vorübergeht in dem kleinen sympathischen Getümmel, bevor ich mich selbst hineinstürze und dabei den Schal ein bisschen weiter vor den Mund schiebe.

Ludovico Einaudi – Drop

#60

Er las und las und ich wollte gar nicht wissen, wo genau er war. Der Zettel, den ich ihm auf den Tisch gelegt hatte, war lang. Vielleicht war er gerade bei der Hälfte. Dann würde er gleich das Nicht-Haben-Können lesen. Wie weh das tut, wenn man jeden Tag das sehen muss, was man nie haben kann. Nämlich Menschen. Menschen für’s Herz.

Wahrscheinlich würde er es nicht verstehen. Weil er wusste, dass ich mit einigen Mitpatienten auch Briefe schrieb. Und er wusste, dass ich mit einigen ein bisschen sprechen konnte. Vielleicht hätte ich es noch besser erklären sollen, dachte ich. Ihm schreiben sollen, dass schreiben so entsetzlich weh tut, weil es einfach nicht das gleiche ist. Weil es da nie dieses Zwischenmenschliche gibt. Diese Nähe, die man braucht. Ich hätte deutlicher schreiben müssen, wie entsetzlich weh das alles tut. Denn wer kann es sich schon vorstellen? Jeder hat es doch, ganz automatisch, und keiner ist sich dessen wahrscheinlich überhaupt bewusst, was er da Wertvolles hat.

«Ich verstehe das», sagte er plötzlich, lag die Zettel beiseite und machte dabei ein Gesicht, als sei ihm jemand auf den Fuß getreten.
Eigentlich hat er es so sehr drauf, dachte ich. Er war der perfekte Therapeut und ich? Ich hatte mal wieder eine Chance, die ich nie nutzen könnte. Es saß direkt vor mir und ich würde es nie greifen können. Nie haben können. Auch dieses nicht. Nie.
Es war vorbei. Ich konnte nicht mehr atmen. Die Luft war weg. Ich musste weg. Einfach nur weg. Mein Körper stand auf und rannte. Rannte einfach los. In die Ecke zwischen Schrank und Mülleimer. Ganz klein. Dreck. Gottverdammter Scheißdreck.

Ein bisschen dauerte es, bis es an der Tür klopfte. Er war es.
Und dann saß er da. Neben mir auf dem Boden. Ein erwachsener Mann, Mitte fünfzig saß neben seiner Patientin auf dem Boden.
Was sollte das? Da waren doch Grenzen und das war doch zu nah. Viel zu nah. Warum sitzt er hier?
Er scherzte, dass er schon seit Ewigkeiten nicht mehr auf dem Boden gesessen hatte.

Er saß wegen mir auf dem Boden. Er saß da und war da und ich konnte es nicht nehmen. Konnte kein einziges Wort sagen, obwohl ein Gefühlsausbruch das einzige gewesen wäre, was jetzt richtig war. Kein einziges Wort kam über meine Lippen, dabei hätte so viel kommen müssen. So viel. Das war wie ein Handreichen und sie nicht nehmen können. So war es.

Geh doch bitte einfach weg, schrie ich innerlich. Bitte, bitte. Geh weg. Weil schon wieder. Alles lag vor mir und ich musste nur zugreifen. Eine Sache von Millimetern wäre es gewesen. Alles tanzt vor meiner Nase herum und ich kann es nicht haben. Nie, nie, nie!

Oh Gott, tat das weh. Was waren das bloß für Schmerzen. Solche Schmerzen kann doch kein Mensch aushalten. Ich zerbrach. Zersplitterte und brach in Millionen Teile. Und das wusste er. Trotzdem blieb er und legte die Hand ein bisschen und sacht auf meine.

Bald habe ich es wieder. Bald. In 57 Jahren. Nur noch 57 Jahre, Herr V.

Mumford and Sons – Home

#59

Es geht nicht. Ich kann nicht ohne Schreiben leben. Immer wieder komme ich hier her. Immer wieder ende ich letztendlich hier. Vor meinem Notebook und auf dieser gottverdammten Seite, die mich schon beinahe 10 Jahre meines Lebens begleitet. Auch wenn ich mir in diesen Pausen hier genauso immer wieder sage, dass es einfach vorbei ist. Das Schreiben. Ich bin alt genug, als dass ich das Internet mit meinen kranken gedanklichen Ergüssen beglücken müsste. Aber das ist nicht so. Und das darf es nicht sein.

Vor einer ganzen Weile habe ich mir wieder die Arme aufgeschnitten. Das war tatsächlich eines der unerwachsesten Dinge, die ich tun konnte. Nicht das Schreiben. Es muss einfach sein. Es geht nicht ohne. Ich brauche Zeit für mich. Es muss wieder eine Sucht werden. Es muss meine Hausaufgabe werden. Meine Pflicht. Mindestens einmal in der Woche etwas für mich geschrieben zu haben. Ganz alleine für mich. Keine rotzbeschissenen Buchstaben für die Arbeit. Sondern rotzbeschissene Buchstaben, in denen in jedem einzelnen so viel scheißbeschissener Schmerz steckt, sodass es Jahre danach noch weh tut, weil der ganze rotzbeschissene Scheiß in diese Buchstaben gepresst ist. Für mich hier hin.

Ich versuche es hier also wieder. Mal wieder. Und ich hoffe, der ein oder andere von euch ist noch da nach all den Jahren.

Breton – Got Well Soon

#58

Die Firma spendet zu Weihnachten und jeder Mitarbeiter darf eine Spende verteilen. Ich habe ziemlich lange überlegt, welcher Verein meine Spende bekommt. War erst bei völlig normalen Dingen. Tierschutz. Allerdings regt mich das eher auf. Dieses ganze Tamtam um Haustierschutz, während andere Tiere gegessen werden, macht mich aggressiv. Dann war ich gedanklich bei meinem Ehrenamt von vor zwei drei Jahren, als mir zuhause die Decke auf den Kopf fiel, aber die Spende gab es so in etwa schon.

Ich habe also noch drei weitere Wochen nachgedacht und hin und her überlegt, ob ich die Gedanken der anderen zu meiner Spende haben möchte. Ja, möchte ich. Was soll’s auch. Meine Spende geht an psychisch kranke Kinder und Jugendliche. Am liebsten hätte ich dazu geschrieben, weil es sich lohnt. Ja, weil es sich scheißverdammtnochmal lohnt! Weil ich jeden Tag die Wohnung verlasse und abends wieder nach Hause komme. Weil ich jeden Monat all die Dinge bezahle, die ich als arbeitender Mensch bezahlen muss und mein Geld irgendwo hin trage, um Dinge zu kaufen, die ich nach meiner Meinung brauche oder mir eine Freude machen. So wie man das verlangt. Egal, wie es in mir aussieht. Ich tue es. Jeden Tag. Also lohnt es sich.

#57

Diese Woche war richtig schlimm. Es ist grad ohnehin alles nicht so einfach, aber diese Woche kamen noch zig Mutismusdinge dazu. Also war es Premiere, wie ich in normal schwierigen Momenten mit noch schwierigeren Scheißmomenten umgehen muss. Und das sogar jeden blöden Tag dieser Woche. Von Feedbacktelefonaten über Feedback in einer kleinen Riesengruppe bis hin zu Autofahren.

Und dann kam ich auch noch auf die Idee, einen Arzttermin in die Woche zu legen. Als gäbe es dafür keine anderen Wochen. Als müsste ich unbedingt jetzt einen neuen Arzt in der neuen Stadt ausprobieren. Und dann auch noch nach Feierabend ohne Urlaub, weil ich mir inzwischen zu fein bin, einzugestehen, dass ich vielleicht doch noch einen freien Tag für solche Anstrengungen brauche. Weil ich ihn einfach nicht brauchen will!

Es gab zwar ziemlich viele Tränen, einfach weil es so musste, aber jetzt ist hoffentlich einfach Ruhe. Drei endlos lange Tage Ruhe.

#56

Momentan stimmt mal wieder gar nichts. Ich möchte mir dir Finger wund tippen – weil es gibt nichts Schöneres, als das Tippen – aber mir fehlen die Buchstaben und ich habe Angst, dass genau das passiert ist. Vielleicht habe ich in den letzten Jahren aber auch einfach vergessen, wie es geht, Dinge zu benennen. Denn ich funktioniere nur noch. Und ehrlich gesagt erschreckt mich das ziemlich. Denn all das, was mich ausgemacht hat, ist irgendwie verschwunden. Vom Alltag verschluckt worden.

Ich weiß gar nicht mehr, welche Musik ich mag. Ich habe schon seit Ewigkeiten nicht mehr einfach nur dagelegen, an die Decke gestarrt und alles wieder in Ordnung gedacht. Ich habe keine Zeit mehr. Ich weiß nicht, wie ich diesen Blog in meinen Alltag integrieren soll. Und genauso weiß ich nicht, wann ich das letzte Mal nur mit mir und meinem Kopf beschäftigt war.

Einerseits ist das gut. Ich muss nicht immer alles bis ins Detail wegdenken und ich freue mich jeden Tag über meinen Alltag. Darüber, dass ich es geschafft habe und so wie ich bin, fertig bin – egal, was irgendwem noch fehlt. Mir fehlt überwiegend nichts. Und ich hätte nie gedacht, dass ich da mal hinkomme. Aber andererseits ist das nicht gut. Das war immer so wichtig und gut, einfach stundenlang irgendwohin abtauchen zu können und es hat mich ja auch immer weitergebracht.

Ich überlege seit Tagen, ob ich wieder Bahn fahren sollte. Kopfhörer, Smartphone und wie ein Weltmeister nachdenken und tippen. Mir fehlt allerdings noch eine gesellschaftlich akzeptierte Erklärung dafür. Ich fahre Bahn, weil ich nachdenken will? Ich amüsiere mich zwar häufig selbst über meine Eigenarten, aber dafür fehlt mir der Witz.

Es fehlt einfach momentan so viel und ich habe keine Zeit, es zu beschaffen.

Aesthetic Perfection – Architect

#55

Ich hatte letztens diese eine krasse Mutismussituation. Nicht diese hier, sondern eine noch schlimmere. Die ich zwar im Endeffekt genauso – also gut – gemeistert habe, aber sie war krass. Sehr krass, denn ich hatte arg zu kämpfen. Mit mir. Aber eigentlich wollte ich nicht erzählen, wie krass sie war. Ich muss nur etwas ausholen.

Ich wurde nämlich gefragt, was los war. Denn alles an mir kann zwar furchtbar gut erstarren, meine Mimik und meine Augen offensichtlich nicht. Das sagten früher schon immer alle, in Mutismushochzeiten. Also wird es wohl so sein und deshalb wurde ich von meinem Chef gefragt, was los war. Überrumpelt wurde ich zwar nicht. Ich habe damit gerechnet. Aber ich hätte mich natürlich gefreut, wenn es anders gekommen wäre. Nun gut, dachte ich.

Ich hatte keine Lust, mir etwas auszudenken. Was auch? Ich habe Kopfschmerzen? Passte nicht. Er sagte nämlich, ich hätte einen verärgerten Eindruck gemacht. Offensichtlich gar nicht so ungut im Gefühle aus dem Gesicht lesen, der Mann. Was hätte mich also ärgern sollen? Das Wetter? Albern konnte ich ja schließlich nicht sein. Also habe ich die Wahrheit gesagt. Natürlich, ohne weit auszuholen und ohne all das hier. Aber ich habe ganz klar und deutlich gesagt – ja, ich habe mich geärgert. Und zwar über mich selbst. Und warum.

Ich guckte. Er guckte. Und das ziemlich verdutzt. Dann sprach er und zwar in einem Ton, als müsse er die Ernsthaftigkeit meiner Worte anzweifeln. Oder wie „Na, wenn’s nur das ist. Ich dachte schon an was weiß ich“. Muss ich nicht. Das, was mich grün und blau ärgerte, verlangt keiner von mir. Dabei zog er die Worte so komisch lang. Ja doch, ich. Habe ich geantwortet. Er guckte noch genauso. Ja, was will ich machen. So bin ich. Und nun weiß ich auch nicht mehr.

Damit habe ich nicht gerechnet. Auch wenn ich gar nicht weiß, mit welcher Reaktion ich gerechnet habe. Nur damit nicht. Ist das alles nur noch ein Problem in meinem Kopf? Nein, eigentlich nicht. Denn irgendwie begegnet es mir ja doch noch fast täglich. Heute zum Beispiel auch. Es merkt nur keiner. Und offensichtlich so wenig, sodass die Wahrheit die verrückteste Erklärung auf seine Frage war. Nagut. Also bin ich für die Antwort dankbar. Muss ich nicht. Ich muss mir keine Sorgen machen. Alles ist prima. Und die Reaktion finde ich auch mehr als Interessant. Da musste ich erst einige Tage drüber nachdenken. So faszinierend. Wie passt das? Das für mich Offensichtlichste ist jetzt das Verrückteste? Wie ist das passiert? Es war doch immer so klar. Meine Güte. Ich musste aufpassen, dass ich nicht mindestens genauso dort stand wie er.

Und als meine eigene innerliche Wiedergutmachung für die Wut über mich selbst stand mein Chef einige Tage danach bis über beide Ohren lächelnd in der Bürotür und sagte, er ist richtig froh, mich gefunden zu haben.

#54

Da habe ich mich doch im letzten Blogeintrag so sehr damit beschäftigt, was eh und je Thema meines Personalgesprächs sein wird, sodass ich ganz vergessen habe, was neu ist. Neu ist nämlich, dass ich mich offensichtlich gut verteidigen kann. Dass ich mir das hole, was ich brauche und, noch viel besser, dass ich sage, wenn mich etwas stört. Vorausgesetzt es stört mich schlimm. Und noch viel besser daran ist, Menschen sehen das tatsächlich auch. Das ist neu. Natürlich ist alles eine Kosten-Nutzen-Sache. Was kostet es mich und wie gut ist das Ergebnis. Aber ja, ich kann’s, wenn ich den Nutzen als hoch einschätze und das ist toll. Und genauso toll ist, dass es auffällt. Dass es diesen Kontrast gibt. Dass der liebe, stille Mensch nicht nur so dahin plätschert, sondern dass er eben auch kann. Das ist neu.