Gut. Heute würde sie es also versuchen. Schon seit knapp eineinhalb Wochen hatte sich das Alena vorgenommen. Und sie musste es nun bald tun, sonst war die Zeit vorbei.
Deswegen heute. Eigentlich dachte sie das letzte Woche auch schon und dann ging es nicht. Aber heute war ein guter Zeitpunkt. Irgendwie war der Tag heute ertragbar gewesen und ihr ging es ganz passabel. Deswegen war heute richtig.
Heute würde sie gebrannte Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt in der Stadt kaufen.
Sie ging zur Tür des Dienstzimmers der Kinder- und Jugendpsychiatrie um sich zu verabschieden. Sie sagte, sie fahre nun nach Hause. Da sie mittlerweile teilstationär war, tat sie das jeden Abend. Davon, dass sie auf den Weihnachtsmarkt gehen wollte, erzählte sie nichts. Das machte nur Druck, dachte sie. Und dann wäre es viel zu blöd, wenn es nicht funktionierte.
Alena ging die Treppe hinunter und stiefelte durch das bisschen Schnee, das in Großstädten liegt, zur Straßenbahn. Mit jeder Station, die sie der Innenstadt näher kam, war da dieses komische Gefühl im Magen. Aber eigentlich war es okay. Auch, wenn es nicht klappte. Da gab’s ja schließlich kein Müssen. Das war ein Wollen. Ein Wollen, weil jedesmal wenn die Straßenbahntüren aufsurrten, sich ein Duft von Weihnachten und gebrannten Mandeln in die Straßenbahn schlich. Und dann waren da draußen noch die vielen Lichter und die Musik. Das war die Zeit, die sie ziemlich gern hatte. Winter und Weihnachten. Und deswegen hatte sie schon seit sie den Mandelduft das erste Mal roch, Lust auf gebrannte Mandeln.
Sie überlegte. Eigentlich war es das erste Mal, dass sie etwas tat, was sie wollte. Meistens wollte sie nämlich gar nicht, weil sie es nicht konnte. Gebrannte Mandeln kaufen konnte sie eigentlich auch nicht, aber das wollte sie. Und wenn man will, kann man vielleicht.
Alena stieg in der Mitte der langen Einkaufsstraße aus. Der Weihnachtsmarkt war im unteren Teil der Straße.
Letzte Woche hatte sie schon geschaut, an welchen Weihnachtsmarktständen man gebrannte Mandeln kaufen konnte. Das musste sie vorher tun. Sie musste einen Überblick haben, damit sie wusste, welche Stände sie nun ablaufen konnte. Das musste planbar sein.
Und so ging sie von Stand zu Stand und checkte die Lage, wie sie manchmal scherzhaft zu Herr V., ihrem Therapeuten sagte, weil sie eigentlich immer erst die Lage checken musste. Sie musste wissen, wie es dort aussah, wo sie sprechen musste, wie die Menschen aussahen und wie es dort war. Dann ging es leichter.
Als könnte man das leicht nennen. Leicht war überhaupt nichts. Und eigentlich war es auch unmöglich. Aber wenn Alena vorher die Lage gecheckt hatte, war es vielleicht ein bisschen weniger unmöglich.
Zwei Weihnachtsmarktstände fielen in die engere Auswahl. Sie waren auf dem großen Platz in der Nähe der Straßenbahnhaltestelle und sie lagen sogar beinahe gegenüber. Jedenfalls konnte sie beide Stände sehen, wenn sie in der Mitte stand. Einer der beiden Stände war kleiner. Dort gab es nur Nüsse. Verschiedene Nüsse. Und dort gab es mehr Menschen. Viele Menschen. Vielleicht schmeckten dort die Mandeln besser und deswegen war dort die Menschenschlange länger. Oder es war so, weil es nur einen Verkäufer gab. Der andere Stand war dagegen viel größer. Und dort gab es auch Lebkuchen und Schokoküsse. Und Zuckerwatte sah Alena auch. Mit vielen Verkäufern.
Welcher Stand war besser? Würde sie sich zu Stand Nummer eins stellen, könnte es sein, dass sich andere Menschen nach ihr anstellten. Und wenn mehr Menschen zuhören konnten, war’s schwieriger. Würde sie zu Stand Nummer zwei gehen und schnell machen, wäre da niemand.
Da es komisch aussah, wie sie die ganze Zeit zwischen den beiden Ständen stand und nach rechts und links schaute, ging sie noch eine Runde um die Stände. Stand Nummer eins fühlte sich irgendwie schwieriger an. Auch wenn die vielen Menschen wahrscheinlich gar nicht hörten, wenn sie sprach. Es waren einfach zu viele. Stand Nummer zwei war irgendwie ruhiger. Vielleicht musste sie dort sogar weniger laut sprechen.
Irgendwie sagte das Bauchgefühl Stand Nummer zwei war besser. Da war Platz. Und vielleicht ging es mit Platz besser. Sie sollte auf das Bauchgefühl hören.
Stand Nummer zwei. Sie war wieder dort. Eine Runde noch, dachte Alena und dann würde sie gebrannte Mandeln kaufen. 100 Gramm würde sie kaufen. 100 Gramm waren gut. Am anderen Stand waren 100 Gramm etwas teurer. Hier kosteten sie 2,00 €. Als sie hinter dem Mandelstand war kramte sie das Geld aus ihrem Portemonaie. Das war leichter, wenn sie sich ganz allein auf das Sprechen konzentrieren konnte und beim Kauf nicht nach dem Geld kramen musste. Sie steckte die Geldstücke in die Hosentasche und tapste die Runde weiter.
Was sagte man überhaupt, wenn man Mandeln kaufen wollte? Beim anderen Stand war’s leichter. Da reichte es, wenn sie sagte, dass sie gern 100 Gramm hätte. Da gab’s ja schließlich nur Mandeln. Dagegen hatte der andere Stand sogar verschiedene Sorten. Sollte sie da sagen “ich hätte gern 100 Gramm normale gebrannte Mandeln?”. Oder sollte sie das “normale” weglassen? Wie kauft man überhaupt Mandeln? Am anderen Stand hätte sie hören können, was die Menschen vor ihr sagten. Vielleicht wäre das doch besser gewesen. Sollte sie sich doch anders entscheiden?
Mittlerweile war sie schon zwei weitere Runden gelaufen und die Verkäufer des Standes schauten sicherlich schon merkwürdig und wunderten sich, was sie da tat. Denn so menschenüberfüllt war der Markt gar nicht. Eigentlich war’s sogar ziemlich leer. Und deshalb konnten sie Alena sicherlich gut sehen. Vielleicht sollte sie Runden um andere Stände laufen? Aber dann konnte sie nicht mehr die Lage checken. Konnte nicht mehr sehen, ob sich bereits andere Menschen angestellt hatten und auch etwas kaufen wollten. Denn dann ging das nicht, dann musste sie noch eine Runde laufen und warten bis sie fertig gekauft hatten.
Okay. Die Lage war gut. Keine anderen Menschen. Sie wollte Mandeln kaufen. Mit den Worten, dass sie gern 100 Gramm Mandeln hätte. Was sollte sie auch sonst anderes sagen? Und das würden andere Menschen sicherlich auch so sagen. Die Runde war beinahe zu Ende und es reichte nun auch, fand Alena, denn sie fror. Sie lief sicherlich schon mehr als 30 Minuten auf dem Weihnachsmarkt rum, nur um gebrannte Mandeln zu kaufen. Also auf, dachte sie.
Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und steuerte den Stand an. Weitergehen, weitergehen und nicht wieder umdrehen, dachte sie. Und dann stand sie auf einmal vor den vielen Mandeln. Ein Verkäufer kam auf sie zu, begrüßte und sah sie fragend an. Sie hielt die Hand in der Hosentasche. Die Faust umklammerten fest die Geldstücke.
“Ich hätte gern 100 Gramm gebrannte Mandeln”, sagte sie leise.
Das “normale” ließ sie einfach weg. Das konnte man sich sicher denken. Hätte sie andere gewollt, hätte sie gesagt mit Kokos oder so.
Der Mann schlug die Tüte auseinander und befüllte sie mit Mandeln. Er hatte verstanden, was sie wollte. Dann wog er sie, tat noch einige dazu und schlug den Rand der Papiertüte zusammen. Er legte sie auf den Verkaufstresen und nannte den Preis. Passend gab ihm Alena die Geldstücke aus ihrer Hosentasche, nahm die Tüte mit den Mandeln und lächelte. Warme Mandeln in ihrer Hand. Sie wärmte sich die Hände.
“Tschüss”, sagte sie.
“Tschüss. Einen schönen Abend”, wünschte er.
Ja, der Abend war schön. Zufrieden lächelnd, mit den warmen Mandeln in den Händen stieg sie in die nächste Straßenbahn und fuhr nach Hause.
Gebrannte Mandeln.