Manchmal mochte sie es einfach so durch die Stadt zu laufen. Durch die lange Einkaufsstraße, wenn nicht zu viele Menschen dort waren. Also nicht unbedingt an einem Samstag.
Manchmal nahm Alena sogar eine andere Bahn, eine bei der sie umsteigen musste, obwohl es eine Direktverbindnung gab, nur um noch ein Stück durch die Stadt laufen zu können.
Sie genoss das Gefühl es jetzt zu können. Denn sie musste dabei immer an das erste Mal denken, wie sie es hasste inmitten Menschenmengen umherzulaufen. Wie unwohl sie sich da gefühlt hatte, in der Bauchgegend, und am liebsten einen Ausweg gesucht hätte. Egal wie. Nur weg.
Angst wäre das falsche Wort dafür gewesen. Alena hatte keine Angst. Jedenfalls nicht vor den Menschen. Sie hatte nur Angst davor, dass sie etwas von ihr wollten. Sie ansprachen. Nach dem Weg, der Uhrzeit oder nach Geld fragten. Dann hätte sie nicht antworten können und schweigen müssen. Hätte nicht gewusst, wie sie wieder aus der Situation herauskommt und wäre so tiefgefroren, dass sie wahrscheinlich noch nicht einmal weglaufen konnte. Deswegen war das ungute Bauchgefühl, als sie das erste Mal allein durch die Stadt lief.
Und weil Alena relativ schnell merkte, dass die Wahrscheinlichkeit doch sehr gering war – denn in einem halben Jahr, wurde sie kein einziges Mal angesprochen – fühlte sie sich dabei immer besser. Und weil es sozusagen ein kleines Erfolgserlebnis war, mochte sie es gern und tat es auch hin und wieder. Besonders, wenn es noch andere, weitaus schwierigere Dinge gab, die sie tun musste. Dann steckte sie die Kopfhörer in die Ohren, stellte die Musik laut und ging. Und genoss das Gefühl etwas klitzekleines geschafft zu haben. Und zwar draußen zu gehen. Einfach nur zu gehen.
Gehen
Wie ist Mutismus?
Irgendwie habe ich den Eindruck, dass genau diese Frage hier, in dem Blog, nicht beantwortet wird. Dabei sollte sie das doch eigentlich. Ich wollte doch mitteilen und zeigen, wie das ist, wenn man nicht sprechen kann, aber doch will.
Manchmal denke ich, ich schreibe es nicht gut genug. Mache es nicht deutlich, nehme nicht die richtigen Worte oder wähle die falschen Themen für meine Artikel. Oder es liegt daran, dass ich hier nicht mehr so richtig hinpasse, weil ich ja eigentlich mutismuslos bin. Mutismuslos deswegen, weil ich bestimmt schon seit drei Jahren oder länger – ich weiß es nicht mehr – kein einziges Mal mehr geschwiegen habe, wenn ich angesprochen wurde. Vielleicht ist es deswegen so, dass die Worte nicht richtig zeigen können, wie Mutismus ist. Vielleicht muss ich mehr in der Vergangenheit wühlen und von da schreiben. Oder vielleicht täuscht mein Eindruck auch und ihr könnt euch vorstellen, wie es ist.
Klingt irgendwie blöd, wenn ich jetzt fragen würde, was ihr denkt, wie Mutismus ist. Deswegen lass ich’s. Aber vielleicht hat der ein oder andere ja trotzdem ein paar Gedanken dazu?
Aufhängen
Natürlich krieg’ ich das auch hin, würdet ihr jetzt sagen, wenn ich die Gedanken, die mir gerade im Kopf rumschwirren, aufschreiben würde. Natürlich schaffe ich das irgendwie und wenn nicht, dann ist es auch nicht so schlimm. Dann ist es kein Beinbruch. Dann ist es in Ordnung und dann gibt es andere Wege, Möglichkeiten, mit denen es mir besser möglich ist. Das ist alles vollkommen okay.
Aber was ist verdammt nochmal, wenn ich nicht immer alles IRGENDWIE schaffen möchte. Wenn ich keine Um- oder Auswege haben möchte?! Keine anderen Möglichkeiten und auch keine halben Sachen. Wenn ich alles so haben und können möchte, wie ich es mir in meinen Gedanken ausmale. Und das sind keine riesig monstermäßig großen Dinge. Kleine, normale Dinge für jedermann. Was ist, wenn man mit diesem gottverdammten Charakter auf die Welt kam, sich nicht damit zufrieden geben zu können, bestimmte Dinge eben nicht zu können?! Weil wenn man es doch will, es auch MACHEN will.
Dann hat man entweder die Möglichkeit sich aufzuhängen oder das ganze Leben ein kleines bisschen unglücklich zu sein. Weil man Dinge nie so haben wird, wie sie manchmal klitzeklein im Kopf sind. Oder auch Träume genannt. Klitzekleine Träume. Im Café de Paris einen Kaffee zu trinken. Oder eine Sonnenblume oder Narzissen kaufen zu können, weil man sie einfach hübsch findet. Und keinen Kaffee in einem Fastfoodrestaurant oder eine Rose, weil sie leichter zu kaufen ist, weil man dazu keinen Florist ansprechen müsste.
Manchmal bin ich sehr für aufhängen, wenn ihr mich fragt…
Café de Paris
Jeden Freitagmorgen, wenn ich zur Vorlesung gehe, laufe ich daran vorbei. Ein kleines, fast zu übersehendes Café an der Straßenecke mit dem Namen Café de Paris in alter Schrift auf der Fensterscheibe aufgedruckt. Von außen, im Vorbeigehen, sieht es gemütlich aus. Wenn das Licht innen an ist und es draußen noch dunkel ist. Geöffnet hat es aber um die Uhrzeit sicherlich noch nicht.
Ich mag die Einrichtung. Jedenfalls das, was man von draußen, im Vorbeigehen, sehen kann. Die weißen und die dunkelbraunen Wände. Mit den dunklen Bilderrahmen dran. Den Inhalt kann man nicht erkennen. Aber die Bilder müssen einfach schön sein, wenn sie im Café de Paris hängen. Ich mag auch den dunkelbraunen Tresen mit dem dunkelbraunen Regal dahinter. Und die vielen Flaschen sehen hübsch darin aus. Von draußen. Und im Herbst, als es noch ein bisschen wärmer war, da standen draußen Tische. Die mochte ich auch. Kleine gemütliche Tische. Hübsch und einfach dekoriert.
Von außen sieht das Café sehr klein aus. Vielleicht nicht mehr als fünf Tische. Irgendwie gemütlich eben. Aber vielleicht ist es auch größer.
Und dann denke ich, im Vorbeigehen, dass ich dort mal gern einen Kaffee trinken würde. Und dass er dort bestimmt gut schmecken muss. So hübsch, wie es Innen aussieht. Vielleicht auch noch etwas Süßes. Und dann könnte man vielleicht dort ein Buch lesen. Ein Gutes, was man extra ausgesucht hat, um es in so einem Café lesen zu können…
Aber bevor ich weiter denke, fällt mir ein, dass ich doch gar keine Zeit habe. Der viele Stress für die Prüfungsvorbereitungen eben. Und in den Ferien, da… Schnell versuche ich etwas zu finden, was ich dann machen muss. Weil Ausreden besser als ein Ich-kann-nicht sind. Auch, wenn man sich damit selbst belügt. Aber es ist vielmehr eine Überlebensstrategie für mich, finde ich. Mit Ich-habe-keine-Zeit kann ich umgehen. Mit Ich-will-doch-so-gern-aber-ich-kann-nicht aber nicht so gut. Das tut weh. Weil es mich traurig macht.
Ich kann nicht, weil ich noch nie allein in einem Café war. Weil es viel zu kompliziert ist allein den Raum zu betreten, angeschaut zu werden, sich einen Platz zu suchen, zu bestellen und am Ende zu bezahlen. Aber vielleicht ist Ich-kann-nicht auch zu übertrieben. Sicherlich würde ich es können. Wenn es müsste. Aber, wenn es müsste, bräuchte ich keinen leckeren Kaffee, nichts Süßes und auch kein gutes Buch. Weil dann hätte ich Angst, Herzrasen, würde aushalten und überstehen. Eben überleben, wie immer. Und während dem Überleben wäre das Café de Paris sicherlich alles andere als schön und gemütlich. Dann wäre es ein Ort, an dem ich nicht sein möchte.
Also gehe ich nicht hin. Ins Café de Paris. Und ich werd’s auch nicht. Ich werde nur weiter daran denken, wie es wäre dort an einem gemütlichen, kleinen Tisch zu sitzen. Mit dem Kaffee und dem Süßen und dem Buch.
Mutismuslos
Ich glaube, eigentlich habe ich gar keinen selektiven Mutismus mehr. Weil wenn selektiver Mutismus heißt, dass man selektiv schweigt, dann ist er weg. Denn ich schweige nicht mehr selektiv. Natürlich bin ich bei fremden Menschen kein Plappermaul und schweige, weil ich nicht erzählen kann. Weil ich nichts weiß oder alle anderen schon erzählen, es mir zu laut, zu fremd und zu unwohl ist. Aber ich schweige nicht mehr, wenn ich gefragt werde. So wie früher. Und ich meide auch nicht mehr so viele Stituation, in denen man sprechen muss oder theoretisch sprechen können müsste. Und ich bin auch nicht mehr so blockiert. Oder so steif, starr und außenrum tot, wenn andere Menschen dabei sind, sodass ich – wie früher – kein einziges Wort aus der Kehle bekomme, nicht mehr weiß, wie man Worte formt und auch der Kopf völlig wortlos ist. Wenn nur das Mutismus ist, dann habe ich keinen mehr.
Vielleicht habe ich “nur noch” eine soziale Phobie. Eben nur noch Angst und Unwohlsein vor und mit Menschen. Aber Selbstdiagnosen mag ich nicht. Und mein Therapeut ist tot und einen neuen will ich nie mehr haben. Also weiß ich nicht, was ich denn noch habe und was nicht mehr. Aber eigentlich ist es auch egal. Egal, wie’s heißt, ich fühl mich trotzdem so, wie ich es immer tat und hier immer schreibe und deswegen schreibe ich weiter. Ob ohne oder mit Mutismus. Und auch wenn ich nicht mehr schweige, mutismuslos bin, schweigsam bin ich trotzdem.
[Untitled]
Ich bin immer irgendwo zwischen nicht können, aufgeben und trotzdem irgendwie wollen. Und es dann am Ende doch geschafft haben, ohne eigentlich zu wissen wie.
Präsentation
Ich wurde ausgelost eine Präsentation zu halten. Und irgendwie, innendrin, hab’ ich’s ganz genau gefühlt, dass es mich trifft. Und – es mag albern klingen – aber ich glaub’ dran, dass es der Weltbeste so eingerichtet hat. Weil er immer noch da oben ist und runterschaut und weil er weiß, dass es mir gut tut. Auch wenn ich höllisch schimpfe, die ganze Welt mal wieder unfair finde und ich mich mit meiner, eigentlich gar nicht vorhandene Pechsträhne, bemitleide.
Weil er weiß, dass es mir hilft und mich vorwärts bringt. Und weil er weiß, dass ich das kann. Ich glaub’, er hat’s gemacht. Weil er noch da ist…

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