#67

Ich laufe noch immer. Und ich hoffe, ich bin inzwischen so viel gelaufen, dass es bleibt. Dass es Alltag wird und bleibt. Ich bin griesgrämig, wenn der Körper nicht kann und ich habe Angst davor, dass er irgendwann nicht können könnte. Auf meinen Körper muss ich jetzt aufpassen. Richtig doll aufpassen. Reinhören und umsorgen. Damit ich laufen kann.

Laufen tut meinem Kopf gut. Es ist das neue Schreiben. Das Schreiben, was der Kopf jetzt ohne Finger macht. Weil es dem Körper nicht gut tun würde, wenn er abends auch noch am Notebook sitzen müsste, um richtig zu schreiben.

Manchmal denke ich beim Laufen an Herrn V. Wie er am Abend nach seiner Arbeit durch den öffentlichen Park vor der Klinik gejoggt ist. Seine Runden gedreht hat (ich frage mich, wie viele Runden man drehen müsste, um auf eine gute Strecke von 10 Kilometern zu kommen). Irgendwann mal, hat er mich gefragt, warum ich eigentlich nicht in der Laufgruppe war. Ja, warum eigentlich nicht. Alle mit Depressionen mussten im Park die Runden drehen. Um etwas zu schaffen. Davon war er fest überzeugt. Vielleicht wurde ich vergessen. Weil man stille Menschen vergisst.

Und da es dann ein Unding war, druckte er mir einen Laufplan aus. Für Zuhause. Mit einer Minute laufen, zwei Minuten gehen. Dann bald zwei Minuten laufen und zwei Minuten gehen. Ich war nicht lange motiviert. Doof habe ich mich dazu noch gefühlt. Denn, wieso sollte man im Dorf einfach mal laufen. Heute muss ich schmunzeln. Heute sehe ich aus wie der Profi und es ist nicht schlimm. Ich laufe und laufe und laufe. An zig Menschen vorbei. Egal, ob langer Lauf oder ob Intervalle oder Tempolauf. Ich laufe. Und manchmal auch schon sechzehn Kilometer.

Vielleicht ist es auch das neue Kämpfen. Ich will nicht sagen, dass mir langweilig ist. Aber im Prinzip ist da nicht mehr viel zu erkämpfen. Der Alltag funktioniert. Ich hab kein neues Ziel. Keinen Punkt, der abgehakt werden muss. Einiges ist schwierig, aber eben nichts mehr Großes zu erkämpfen. Vielleicht ist also das, was nun erreicht werden muss. Erst der Staffelmarathon mit den Kolleginnen. Und dann der Halbmarathon. Vielleicht ist es auch das.

Oder es ist die neue Therapie. Mit Herr V.

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