#63

Vor einer ganzen Weile schon erzählte mir eine Kollegin, dass sie mich beneiden würde. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, aber irgendwie fielen diese Worte. Ich fragte sie, warum und hatte – weil ich mich manchmal mögen kann – mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Sie beneidet mich, weil ich meinen Chef hin und wieder sage, dass ich keine Meinung habe und erst mal genauer darüber nachdenken muss. Und zwar so selbstbewusst und überzeugt davon, als sei es völlig in Ordnung, mal keine Meinung zu haben. Okay.

Ich musste aufpassen, dass ich nicht bis über beide Ohren grinste und meine Reaktion nicht ein bisschen zu viel gewesen wäre. Aber wie man mich d a f ü r bloß beneiden kann, weiß ich bei weitem nicht. Das wäre das letzte, weshalb ich beneidenswert sein könnte. Weil indirekt beneidet sie mich für den Mutismus. All diese Sätze sind zurecht gelegt. Dämliche zurecht gelegte Sätze, die inzwischen wie aus der Pistole geschossen kommen, als – ja, als was? Als wären sie völlig in Ordnung. Und vor allem selbstbewusst. Denn – und daran habe ich noch nie gedacht – wer sagt seinem Chef, dass es jetzt gerade nicht geht und erzählt nicht doch einfach irgendwas, nur weil er jetzt was erzählen muss, obwohl es besser wäre, darüber nachzudenken? Ja ich. Weil ich tatsächlich erst für mich alleine nachdenken muss, um kein gedankliches Blackout zu haben. Um überhaupt sprechen zu können.

In Wahrheit sind diese Sätze also die pure Verzweiflung dafür, dass ich jetzt nicht sprechen kann. Immer noch nicht. Nur schöner verpackt und nicht in Schweigen gehüllt. Aber sie haben noch immer die gleiche Bedeutung. Sie sind Verzweiflung, die ich offenbar mehr als gut zu überspielen gelernt habe. Wertvolle Sätze, die mich Jahre gekostet haben, damit sie überhaupt funktionieren. Jedes einzelne Wort davon. Und so wird aus Mutismus auf einmal Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein, dass ich eben genau jetzt einfach mal gar nichts sage. Punkt. Das ist ein sehr erstaunliches Ding. Mutismus ist Selbstbewusstsein.

6 thoughts on “#63

  1. Ich sehe es nicht als pure Verzweifelung an, eher, dass Du es so ausdrückst, wie Du fühlst und meinst – was hilft es, gleich irgend etwas ohne Hand und Fuß zu sagen, nur um zu sprechen?

    Ich weiß was Du meinst und verstehe es auch – ich habe früher extrem gestottert und bin oft knallrot im Gesicht geworden, heute überspiele ich vieles und kann damit umgehen, wobei das natürlich auch als „Krücke oder eine Art Verzweifelung“ angesehen werden kann.

    Es mag ein Teil von mir sein, aber ich habe gelernt, wie Du, damit umzugehen und auch wenn es noch manchmal schwer ist, so hat dieses dazu geführt, dass da durchaus bei Dir Selbstbewustsein da ist, wie es sich auch gebildet haben mag, es ist da und Du kannst es…

  2. Auch Fähigkeiten, die wir nicht an uns schätzen, sind Fähigkeiten, die Wertschätzung verdienen.

    Und auch wenn ich Mutismus und Selbstbewusstsein nicht gleichsetzen würde, ist für mich die Erfahrung mit dem unwillkürlichen Schweigen heute eine ganz wichtige Quelle für den bewussten Umgang mit Kommunikation. Denn genau das sind die „Sätze die funktionieren“.

    1. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie weit Mutismus mit Selbstbewusstsein zu tun hat. Und leise und unauffällig und unüberzeugt war er für mich nie. Dann wenn alle einen angucken, weil man jetzt nichts sagt, braucht ein gewisses Maß an „Selbstbewusstsein“ und „Stärke“. Zum einen, um die Situation auszuhalten und zum anderen, um sich wieder in neue Situationen zu begeben, die ganz genau wieder so enden können. Mir kam mein Schweigen oft sehr überzeugt und selbstsicher vor.

  3. Wie schön, dass du wieder schreibst! Auch wenn die Inhalte vielleicht traurig machen oder nachdenklich. Ich wollte nur sagen, dass ich hier immer noch lese. Frohe Weihnachten!
    Liebe Grüße

  4. wie schön wäre es, wenn so manche Leute OHNE Mutismus mal einfach sagen, dass sie erst mal länger überlegen müssen, bevor sie reden. Das können nämlich wirklich die wenigsten. Ich kann deine Kollegin verstehen. 😉

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