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#61

Bei all dem Machen und Tun und Müssen fehlt etwas. Ich fehle. Ich weiß nicht mehr wohin. Nicht wozu und auch nicht weshalb. Wie oft lag ich früher stundenlang auf dem Rücken und habe an Wände und Decken gestarrt. So wie die letzte Nacht, auch wenn die Augen normalerweise schon längst zugefallen wären. Um sich zu überprüfen. Um zu sehen, ob noch alles an Ort und Stelle ist. Ob alles übereinstimmt. Und um dann am Ende festzustellen, dass gar nichts mehr übereinstimmt.

Irgendwo hier habe ich geschrieben, dass es gut so ist. Dass es gut tut, inzwischen nicht immer alles im Detail bedenken zu müssen. Dass es gut ist, wenn der Alltag immer mehr Platz einnimmt und am Ende des Tages keine Zeit mehr dafür übrig ist. Aber wie schnell geht dabei etwas verloren. Ja, vielleicht ist es gut. Vielleicht aber auch nicht.

Momentan bin ich viel zu sehr mit meiner Hülle beschäftigt. Und auch das ist gut. Ich achte auf das Essen. Sehe dabei zu, wie sich der Körper verändert. Ich laufe. Ich renne davon. Oder renne vorweg. Oder irgendwohin. Was auch immer. Und ich möchte mehr davon. Jeden Tag. Ich möchte die 21,0975 Kilometer und das ist gut so. Weil dann werde ich es tun. Aber wozu führt das. Wo bin ich in dieser Hülle und wo ist der Rest, der mir gut tut. Wo sind meine Buchstaben. Wo bin ich dabei. Wer bin ich geworden. Kennst du mich.

Ich möchte ans Meer. Ich möchte an diesem endlos weiten Strand rennen und in den Wind und in die Wellen schreien. Schreien, dass ich wie so oft nicht mehr weiter weiß und eigentlich schon lange nicht mehr kann. Mit meinen pink-schwarzen Laufschuhen. Ich möchte den endlosen Strand entlang rennen, bis ich weiß, wo genau ich hin muss. Bis ich gefunden habe, wie ich wieder kann und natürlich wieder werde. Ich möchte auf einer Düne liegen und Wind und Wellen um mich herum toben hören. Und hoffen, dass sie alles mitnehmen – was sie aber nie tun werden. Solange bis ich eingeschlafen bin.

Ich möchte dann, wenn niemand mehr da ist und ich das Gesicht im dicken Lieblingspulli vergraben kann. Dann, wenn die Sonne wärmt und man den Winter bald riechen kann. Dann, wenn alle nicht mehr wollen, möchte ich das, was mir gut tut. Ich möchte mit meinem Rucksack die Pfade finden, die niemand mehr gehen will. Und ich möchte in einer skandinavischen Stadt sitzen und diesen Kaffee trinken mit Bullar, Boller, Pulla, Kaka, Kage oder in welchem Land auch immer ich bin. Dann dabei zusehen wie alles vorübergeht in dem kleinen sympathischen Getümmel, bevor ich mich selbst hineinstürze und dabei den Schal ein bisschen weiter vor den Mund schiebe.

Ludovico Einaudi – Drop

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