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#55

Ich hatte letztens diese eine krasse Mutismussituation. Nicht diese hier, sondern eine noch schlimmere. Die ich zwar im Endeffekt genauso – also gut – gemeistert habe, aber sie war krass. Sehr krass, denn ich hatte arg zu kämpfen. Mit mir. Aber eigentlich wollte ich nicht erzählen, wie krass sie war. Ich muss nur etwas ausholen.

Ich wurde nämlich gefragt, was los war. Denn alles an mir kann zwar furchtbar gut erstarren, meine Mimik und meine Augen offensichtlich nicht. Das sagten früher schon immer alle, in Mutismushochzeiten. Also wird es wohl so sein und deshalb wurde ich von meinem Chef gefragt, was los war. Überrumpelt wurde ich zwar nicht. Ich habe damit gerechnet. Aber ich hätte mich natürlich gefreut, wenn es anders gekommen wäre. Nun gut, dachte ich.

Ich hatte keine Lust, mir etwas auszudenken. Was auch? Ich habe Kopfschmerzen? Passte nicht. Er sagte nämlich, ich hätte einen verärgerten Eindruck gemacht. Offensichtlich gar nicht so ungut im Gefühle aus dem Gesicht lesen, der Mann. Was hätte mich also ärgern sollen? Das Wetter? Albern konnte ich ja schließlich nicht sein. Also habe ich die Wahrheit gesagt. Natürlich, ohne weit auszuholen und ohne all das hier. Aber ich habe ganz klar und deutlich gesagt – ja, ich habe mich geärgert. Und zwar über mich selbst. Und warum.

Ich guckte. Er guckte. Und das ziemlich verdutzt. Dann sprach er und zwar in einem Ton, als müsse er die Ernsthaftigkeit meiner Worte anzweifeln. Oder wie „Na, wenn’s nur das ist. Ich dachte schon an was weiß ich“. Muss ich nicht. Das, was mich grün und blau ärgerte, verlangt keiner von mir. Dabei zog er die Worte so komisch lang. Ja doch, ich. Habe ich geantwortet. Er guckte noch genauso. Ja, was will ich machen. So bin ich. Und nun weiß ich auch nicht mehr.

Damit habe ich nicht gerechnet. Auch wenn ich gar nicht weiß, mit welcher Reaktion ich gerechnet habe. Nur damit nicht. Ist das alles nur noch ein Problem in meinem Kopf? Nein, eigentlich nicht. Denn irgendwie begegnet es mir ja doch noch fast täglich. Heute zum Beispiel auch. Es merkt nur keiner. Und offensichtlich so wenig, sodass die Wahrheit die verrückteste Erklärung auf seine Frage war. Nagut. Also bin ich für die Antwort dankbar. Muss ich nicht. Ich muss mir keine Sorgen machen. Alles ist prima. Und die Reaktion finde ich auch mehr als Interessant. Da musste ich erst einige Tage drüber nachdenken. So faszinierend. Wie passt das? Das für mich Offensichtlichste ist jetzt das Verrückteste? Wie ist das passiert? Es war doch immer so klar. Meine Güte. Ich musste aufpassen, dass ich nicht mindestens genauso dort stand wie er.

Und als meine eigene innerliche Wiedergutmachung für die Wut über mich selbst stand mein Chef einige Tage danach bis über beide Ohren lächelnd in der Bürotür und sagte, er ist richtig froh, mich gefunden zu haben.

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