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#53

Vor einigen Tagen hatte ich mein Personal- und Feedbackgespräch. Und wie sollte es anders sein, ein Ergebnis ist, ich bin zu still. Das waren zwar nicht direkt die Worte von meinem Kollegen und auch nicht von meinem Chef, aber es war die Aussage ihrer Worte. Sie sagten, ich darf gerne meine Meinung sagen und dass sie sich wünschen, dass ich mich von mir aus mehr einbringe. Ist zwar netter formuliert, aber die Aussage ist die gleiche. Ich bin zu still.

Aber ehrlich gesagt, habe ich keine Lust mehr. Ich habe keine Lust, mich damit zu beschäftigen. Ich habe noch nicht mal mehr Lust, ihre Worte zu hassen. Denn seit Jahren höre ich nichts anderes. Mal netter ausgedrückt, mal weniger. Und deshalb habe ich keine Lust mehr. Ich bin dreißig Jahre alt und es reicht einfach. Es interessiert mich nicht mehr, wie ich das schaffen kann, was sie wollen. Ich schaffe es so sowieso nicht so, wie sie sich das denken. So wird es einfach nie sein und deshalb habe ich keine Lust mehr. Es ist einfach so wie es ist. Und zwar stiller. Ich werde nie in einer großen Gruppe über Dinge diskutieren, über die ich mir vorher noch nie Gedanken gemacht habe. Oder zu denen ich mich nicht auskenne. Werde ich nicht. Vielleicht werde ich ab und an zwei, drei, vier oder auch fünf Sätze sagen können. Aber zu still werde ich eh und je sein. Ich bin so nicht und habe auch einfach keine Lust mehr, so sein zu wollen.

Vielmehr habe ich Lust, mich darauf zu konzentrieren, was ich kann. Nämlich darauf, dass ich es bin, die in einer Schulung zum Werbetexten sitzt und am liebsten im Boden versinke würde, weil wir Werbematerialien durchsprechen, die nicht gut sind, bis der Dozent plötzlich etwas gut findet und es von mir ist. Ich möchte mich darauf konzentrieren, zu akzeptieren, dass genau ich das bin, die das geschrieben hat. Und nicht darauf, wie ich Kreativübungen in großer Runde bewerkstelligen kann. Ich kann’s nämlich nicht. Ich möchte mich damit beschäftigen, wie ich es organisiert bekomme, Untermeetings zu führen, um in einer kleiner Gruppe kreativ zu sein. Das kann ich. Ich habe keine Lust, mich anzupassen. Ich will alles andere anpassen. Alle Umstände so machen, sodass es für m i c h passt. Ich kann in Gruppen mit mehr als fünf, sechs, sieben Menschen nicht gut. Und dann ist das eben so. Entweder sie haben ein scheißverdammtes Plappermaul oder sie haben mich. Entweder das eine oder das andere. Punkt. Aus. Zu Ende.

Herr V.’s Lächeln würde sich jetzt wahrscheinlich nicht mehr einkriegen. Oder es würde Kreise grinsen in seinem Gesicht, weil er sich an meiner großartigen psychischen Gesundheit erfreut. Während er mir so unglaublich fehlt und ich nicht weiß, ob das so alles richtig ist. So sehr fehlt er mir, dass es  mal wieder weh tut, weil er nicht da ist zum Teilen und auch eigentlich schon lange nicht mehr für mich da wäre, wenn er noch leben würde. Mit meinen dreißig Jahren und der Lust alles andere an mich anzupassen. Nicht umgekehrt.

Ein Kommentar

  1. […] über meinen Alltag. Darüber, dass ich es geschafft habe und so wie ich bin, fertig bin – egal, was irgendwem noch fehlt. Mir fehlt überwiegend nichts. Und ich hätte nie gedacht, dass ich da mal hinkomme. Aber […]

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