#48

Früher habe ich sehr gerne gemalt oder gezeichnet. Und als es dann später in der Schule um den Berufswunsch ging, habe ich lange überlegt, ob mein Beruf in diese Richtung gehen muss. Ob ich etwas Kreatives machen möchte oder nicht. Ich kam irgendwann zu dem Ergebnis, dass ich das nicht möchte. Einfach aus dem Grund, den Spaß daran nicht zu verlieren. Oder besser gesagt, ich hatte Angst davor, keinen Ausgleich mehr zu haben, zum Alltag. So dachte ich das.

Komischerweise bin ich genau dort gelandet, nur anders. Irgendwann, mit dem Internet, stellte ich fest, dass Schreiben eine ganz tolle Sache ist, um sich auszudrücken mit Mutismus. Besser als malen oder zeichnen. Schreiben war viel intensiver und besser, um die Gedanken aus dem Kopf direkt herauszubekommen. Keine Umwege über Striche und Linien. Ganz klar direkt raus. Das ging ja sonst normalerweise nicht.

Dann fing das Studium an, ich schrieb munter weiter, machte ein Praktikum, fand auch „berufliches Schreiben“ ganz nett. Beendete das Studium, schrieb immer noch weiter die Gedanken aus dem Kopf, fand einen Job und schrieb dann auch da beruflich. Anfangs Kram, der nicht unbedingt hübsch in Worte verpackt werden musste. Es war wichtig, dass da steht, was dort stehen soll. Und irgendwie ist es dann passiert, dass noch zig andere Dinge dazu kamen. Newsletter, Einleitungen, Zeitschriftenartikel, Werbetexte. Eigentlich schreibe ich die meiste Zeit meines Tages. Wie das passiert ist, weiß ich rückblickend eigentlich auch gar nicht mehr so genau.

Und da einer meiner Chefs wohl einen Narren an meiner Schreibe gefressen haben muss, mache ich nun etwas Anderes und ganz Eigenes. Etwas ziemlich Großes, um genau zu sein. Oder es kann sehr groß werden, wenn nicht sogar riesig, sodass ihr es alle kennen werdet. Oder zumindest irgendwann einmal drüber stolpern werdet. So der Plan. Und da es groß ist, kann ich das nicht alleine machen. Das bedeutet, ich habe acht Autoren. Ja, richtig gelesen. Klingt schlimmer als es ist und streng genommen ist es doch richtig schlimm. Schlimm daran ist nämlich, dass ich mit meiner Rolle noch nicht richtig umgehen kann. Denn meine Aufgabe an dieser Geschichte ist eigentlich nicht das Schreiben. Vielmehr bin ich die Schnittstelle dafür, dass mein Studieninhalt in diesen Texten steht. Das natürlich in schön. Und das läuft momentan, zusammengefasst, weniger gut. Der Mensch mit Mutismushintergrund muss nun als Berufsanfänger vermitteln, an Menschen, die seit Jahren ihr täglich Brot mit dem Schreiben verdienen, dass dies und jenes so nicht gut ist – oder besser gesagt, nicht den Vorstellungen der ganzen Sache entspricht. Prima Sache und das meine ich auch nicht ironisch. Am Ende ist es prima für mich. Ich kann richtig viel lernen. Sehe ich auch so. Ich weiß eben nur nicht, was es mit dem Schreiben macht. Mit dem Ventil. Denn es ist an sich ja (noch) schlimm.

Ich möchte nicht, dass ich irgendwann genervt hier sitze und das Aneinanderreihen der Buchstaben nicht mehr richtig funktioniert, sodass es m i r gut tut. Ob es schön, richtig und gut ist, sei dahin gestellt. Das muss nur das Berufsschreiben. Ich möchte nicht, dass es aufhört, danach entspannt zu sein. Dieses Gefühl, alles abgeladen zu haben. Das darf nie verschwinden. Nie. Und ich habe Angst, dass genau das passiert, was ich mir vor 15 Jahren zu meinem Berufswunsch überlegte. Nie das machen, was dich aus dem Alltagsmist rettet, denn die Gefahr ist viel zu groß, dass es irgendwann eben nicht mehr rettet.

Tja. Vielleicht ist das Getippe hier – seid Ewigkeiten mal wieder – der Versuch, genau das zu testen. Zu testen, wie es mir jetzt geht. Zu überprüfen, ob ich die scheiß Berufsbuchstaben problemlos gegen Buchstaben aus meinem Kopf austauschen kann. Oder ob es nicht funktioniert. Dann habe ich ein Problem.

Ich danke dir Chester Bennington für all die treffenden Lieder.

3 Gedanken zu „#48

  1. Du bist nicht nur „Mensch mit Mutismushintergrund“, sondern auch
    Mensch mit Blogger-Hintergrund,
    Mensch mit Studium-Hintergrund,
    Mensch mit Kreativitäts-Hintergrund,
    Mensch mit Lebenserfahrungs-Hintergrund,
    Mensch mit Kommunikationsblockade-Überwindungs-Hintergrund etc.

    Die Menschen, die dir Großes zutrauen, sehen keinen Mutismus bei dir. Sie sehen Talente und Fähigkeiten und Potenziale. Vielleicht ist es langsam Zeit, dass du auch mehr auf das schaust, was du kannst…

    (PS: Ich mag deine Schreibe auch sehr. 🙂
    Schön, mal wieder einen Text von dir zu lesen.)

  2. Ich danke dir für diesen Text, der meinen Blockaden beim Schreiben-für-mich nicht nur einen ausnehmend weitwinkeligen Spiegel vorhält, sondern mir zudem Mut macht. (Plattwitz: Mut – das ist ein wesentlicher Teil von Mutismus!)
    Mich berührt, wie kompakt und uneitel du deine beruflichen Erfolge mit Selbstironie analysierst. Die Chancen und die Risiken beleuchtest. Das Schlimme im Schönen und vice versa.

    Schräger Weise gedachte ich eigentlich auch, zunächst auf deine Selbstbezeichnung zu sprechen zu kommen… Dann las ich das schon vorhandene Plädoyer von Christine – kann dem nur zustimmen. 😉
    Aber dennoch will ich mein ganz anderes Erleben dieses Begriffs „Mensch mit Mutismushintergrund“ nicht unerwähnt lassen: Nämlich für mich verdichtest du darin alles. Ich habe lesend bitterböse, aber doch befreit aufgelacht, als ich das las. Ergo: Dir gelingt aus meiner Sicht mit diesem „Rechenschaftsbericht“ eine wunderbare Synthese, dein Schreiben als Ventil, deine Schreibkompetenzen im Job beschädigen einander nicht, sondern… du ziehst alle Register des Instruments Sprache, da wo sie hingehören. Geschriebene Sprache in so vielen Stimmlagen – nicht eine Stimme, ein Orchester…
    Ich wage jetzt mal, das laute Bild stehen zu lassen – denk dir ein Streichorchester, nix, wagneresk Pompöses!

    All das gelingt dir… zwischen Selbstironie und unironischer Nacktheit der Seele und ihrer Ängste.

    Und dann ist da noch das Echo – Mutismushintergrund | Migrationshintergrund…

    Migration der Gedanken aus dem Kopf in den Text. Und umgedreht. Wir migrieren gedanklich, wann immer ein Text, ein Austausch uns nicht nur sachlich informiert, sondern zur Begegnung mutiert (sorry!) und uns emotional packt, uns z. B. aus der Komfortzone herausfordert…

    Und damit hast du mich tatsächlich gepackt: An Migrationshintergründen bin ich gerade in meinem (befristeten, aber jetzt und hier durchaus befriedigenden) Job ganz nah dran. Mit Geflüchteten zuerst und „Menschen mit Vermittlungshemmnissen“ arbeite ich an Texten mit ihnen, für sie, über sie… und daneben steh ich selbst vor so vielen Hemmnissen, die in meinem Kopf wuchernden Worte loszuwerden, zu ernten, was immer… Und ja, es gibt legitime Hintergründe, dass es nicht gelingt. Aberals sinnhafter Prozess in sich, bleibt das Schreiben für sich – an sich – ein Wünschenswert.

    Speziell für diese Erinnerung an die Chancen des Schreibens empfind ich es als Geschenk, gerade heute Nacht deinen vielstimmige Gedankenfluss gelesen zu haben.

    Ich wiederhole mich: Danke dir für diesen Text.

    Gruß von der Füxin im Textgrün
    (Falls das extrem lang erscheint… Verzeih. Es floss plötzlich unaufhaltsam… )

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