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#42

Und dann ist da dieser Moment, in dem du dich fragst, wann genau es eigentlich angefangen hat, gut zu sein. Genau jetzt, in diesem Moment.

Offensichtlich muss ich es verpasst haben. Den Anfang. Denn plötzlich ist es gut. Plötzlich weiß ich nicht nur, dass ich mein bisheriges Studentenleben kann, auch weiß ich auf einmal, dass ich arbeiten kann. Ich weiß einfach, dass ich es kann. Klar, funktioniert nicht alles genau so wie ich es mir vorstelle. Einiges sogar nicht. Aber es ist eben nur eine Frage des Wies und nicht des Obs.

Plötzlich sitze ich im Teammeeting. Mein Team besteht zur Zeit aus vier Mitarbeitern und einem Chef. Also sitze ich im Teammeeting mit vier anderen Personen und erwische mich dabei wie es mich einfach nervt, dass niemand etwas sagt. Mich nervt, dass es kein Meeting ist, sondern vielmehr ein Mitteilen. Und ich fange an, zu ergänzen, zu berichtigen und reiße Aufgaben – besser gesagt Verantwortlichkeiten – an mich, einfach weil niemand etwas sagt. Wann ist das denn passiert?

Ich schule andere Mitarbeiter, einfach weil es sonst niemand machen will. Klar, ich könnte ein ganzes Romankapitel darüber schreiben, was weniger gut war an meiner Schulung. Aber wann um Himmels Willen bin ich diejenige geworden, die sowas macht? Die etwas macht, was sonst keiner macht. Normalerweise machen doch immer erst die anderen, bevor ich an der Reihe bin. Ich bekomme das, was übrig ist. Wann habe ich also angefangen, gut zu sein?

Ich habe eine neue Kollegin, die ich mehr oder weniger betreue. Klar, nicht allein entscheide, was sie tut, aber sie sitzt mit mir in einem Raum. Also bin ich diejenige, die die meisten Fragen abbekommt und ihr das meiste erklärt. Wann ich das geworden bin, weiß ich. Das ist nicht das Problem. Aber wann habe ich aufgehört, sie als Konkurrentin zu sehen? Seit wann finde ich, dass ich die Dinge, die genau mein Ding sind, viel besser kann als sie? Wann habe ich gemerkt, dass sie wahrscheinlich ihre eigenen Stärken hat, aber eben nicht gleichzeitig auch MEINE Stärken. Und seit wann weiß ich, dass ich überhaupt Stärken habe? Klar, am Ende ist es dann Stärkensache. Sind meine Stärken nicht mehr wichtig, bin ich weg. Aber dann fehlen ihnen halt auch diese Stärken. Denn die Neue hat sie nicht.

Irgendwann muss ich also verpasst haben, zu merken, dass der nächste Schritt im Leben funktioniert. Nämlich Arbeiten. Und unabhängig sein. Es ging einfach an mir vorrüber, dass jegliche Investition in mich sinnvoll war. Dass sich alles gelohnt hat und keine einzige Maßnahme, keine einzige Ausgabe umsonst war. Nicht, dass es unbedingt Voraussetzung wäre, dass am Ende alles fruchtet. Aber es ist eben doch ein enorm tolles Gefühl, etwas genutzt zu haben. Auch wenn ich nichts gegen mehr Geld im Monat hätte, es ist ein ganz großartiges Gefühl, das Studium dem Staat zurück zu bezahlen. Und auch wenn ich wie jeder am Ende des Monats feststellen muss, was genau noch vom Bruttogehalt übrig ist, ist es eine furchtbar tolle Sache, der Krankenversicherung Geld für meine langjährige Therapie zurück geben. Im übertragenen Sinne natürlich. Es ist großartig ein Teil des Ganzen zu sein, auch wenn man nun zig Grundsatzdiskussionen führen könnte. Ich finde es einfach großartig, das tun zu können, was von einem verlangt wird. Nämlich Geld bezahlen. Oder anders ausgedrückt, jemand geworden zu sein, der keine Geldverschwendung war.

Wann haben Leben und Sprechen also aufgehört, eine schrecklich komplizierte Kunst zu sein, von der ich nichts verstehe? Und was kommt als nächstes? Welchen Lebensabschnitt lerne ich als nächstes können? 

5 Kommentare

  1. „Welchen Lebensabschnitt lerne ich als nächstes können?“ – Das ist ein unglaublich schöner, unglaublich wundervoller Satz.
    Danke dafür.

    Ist doch egal, wann es angefangen hat, gut zu sein. Ich finde, dass es genau jetzt genau richtig ist. Weil da jetzt Platz für deine Entwicklung ist.
    Denn du bist nie fertig mit den nächsten Schritten – es geht immer weiter zu neuen Wachstumsgelegenheiten.
    Und der Weg, der da vor deinen Füßen entsteht, sieht sehr abwechslungsreich aus. 🙂

  2. Aki Aki

    Ich könnt grad ein ganz kleines bisschen flennen für dich. <3 Freu mich.

  3. ingrid/ile, die Bastelmaus ingrid/ile, die Bastelmaus

    so, liebe Mara, nun hab ich

    • Jens Jens

      ich klicke in Gedanken „Gefällt mir“ 😉

  4. ingrid/ile, die Bastelmaus ingrid/ile, die Bastelmaus

    puh, alles nachgeholt, was in der ganzen Zeit so passiert ist. Mammutaufgabe, aber jetzt bin ich auf dem Laufenden und freue mich unbändig mit Dir. Irgendwie habe ich aber kein richtiges Feld zum kommentieren gefunden, mein Text ist lediglich schwach von der Schrift und Farbe her, aber irgend etwas mache ich wohl falsch. Korrigieren geht auch nicht, weil es von mir kaum zu lesen ist, und ich hoffe, irgendwie erreicht Dich mein Kommentar.
    Liebe Grüße und weiter so!
    Das wünscht Dir INGRID/ile

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