#41

Herr V. verdeutlichte mir mein Leben mal mit einem Bild. Ich stehe in der Mitte und drumherum ist ein Kreis. Am Anfang war der Kreis sehr klein. Es war kaum Platz zwischen mir und der Umrandung. Und in all den Jahren, in denen er mich schon begleiten durfte, wurde der Kreis immer größer. Weil ich immer wieder an die Umrandung stieß, solange dagegen stieß, bis ich drüber kam. Und so wurden die Umrandungen von mal zu mal größer. Mein Kreis wuchs und ich hatte immer mehr Platz. Früher fand ich diese Metapher albern. Und im Grunde auch nichtssagend. Mein Leben ist kein Kreis und auch brachte mich die Erkenntnis wenig weiter, dass ein dummer Kreis größer wird. Dass ich mehr schaffte, wusste ich selbst. Dazu brauchte es kein Bild.

Wenn ich heute daran denke, befinde ich mich in einem riesigen Kreis. Was ziemlich großartig ist, keine Frage. Aber vor allem, macht dieses dumme Bild heute einen völlig anderen Sinn. Zumindest hilft es mir, meine jetzige Situation zu erklären. Und ich glaube, heute verstehe ich auch, wozu solche Metaphern gut sein können. Sie veranschaulichen. Sie liefern Erklärungen. Und Erklärungen sind angenehm. Sie erleichtern. Und manchmal bieten sie sogar Lösungen. Aber auf alle Fälle, erklärt diese eine Metapher, was genau momentan bei mir schief läuft.

Ja, mein Kreis ist riesig geworden. Jede einzelnen Zentimeter sind Möglichkeiten, die ich früher gar nicht hatte. Und es ist eigentlich auch schon lange kein Kreis mehr. Es ist eine Umrandung mit zig Dellen und Wölbungen. Ausstülpungen, die mir zeigen, dass ich genau an dieser Stelle schon so weit bin. Und eben Dellen, die zeigen, dass an Punkt x meine Umrandung noch nicht ganz so weit ist. Das ist heute.
Und mein Problem dabei ist, dass ich absolut nicht weiß, wo Dinge einzuordnen sind. Oder wo ich einzuordnen bin. Momentan verschätze ich mich enorm. Während Punkt x auf meiner Umrandung 7,65 m von mir entfernt ist, ist Punkt y 6,34 m entfernt. Und dann denke ich Punkt xyz muss wegen seiner Ähnlichkeit zu x und y auch irgendwo dort liegen. Nur plötzlich stelle ich dann eben fest, dass es gar nicht stimmt. Punkt xyz ist weder x noch y. Erstens ist da ein z und zweitens ist selbst xy etwas vollkommen anderes als x UND y. Und dann stehe ich da. Scheiße. xyz ist nur 5,78 m von mir entfernt, während ich aber wegen meiner x- und y-Erfahrung 6 m weit gehen wollte. Und bäääm. Die Umrandungsgrenze. Grenzen sind Überforderungen. Ganz besonders, wenn ich mit Anlauf dagegen gerannt bin.

Oder mir ist es passiert, dass ich überhaupt gar keine Umrandung gesehen habe. Ich bin an Punkt x, genau auf meiner Umrandung. Im Grunde bin ich sogar gerade dabei, ihn ein bisschen zu weiten. Punkt x. Ein bisschen nach hinten zu verlagern. Ich denke nicht nach. Punkt x funktioniert eben gut. Ich denke wirklich wirklich nicht nach. Denn es funktioniert ja alles super. Und dann wieder bäääm. Ich habe mich in Punkt w manövriert und Punkt w ist aber nur 2,01 m. Ich schätze also nicht nur von Beginn an Umrandungsabstände falsch ein und renne plötzlich dagegen. Es gibt also auch ganz furchtbar eklige Zacken, die ich einfach nicht sehe. Oder neue Kreise in meinem großen Kreis. Wie auch immer. Mit denen ich aber absolut nicht rechne und die wie aus dem Nichts kommen. Und ich verstehe nicht, wieso. Ich habe einfach keine Erklärung dafür.

Dieser elend-großer Kreis sorgt im Grunde nur für mehr Unklarheiten. Je größer er wird, desto mehr verschätze ich mich. Und auch wenn die Größe genial ist, wünsche ich mir doch gerade jetzt wieder meinen kleinen Kreis. Da weiß ich wenigstens wo ich bin. Sehe meine Umrandungen. Weiß eben einfach, wo ich anfangen muss. Im Grunde ist es ja auch gar nicht schlimm. Dann habe ich mich eben mal verschätzt. Nur ist es gerade es bisschen viel. Ich irre halt einfach gerade in diesem blöden Kreis umher. Ich fühle mich verloren.

3 Gedanken zu „#41

  1. Wie wäre es, wenn du dir in deinem mittlerweile erfreulich großen Kreis einen kleineren anlegen würdest, den du ganz bewusst gemütlich für dich gestaltest – als Rückzugsort, als Kuschelecke, als Komfortzone? Einen Bereich, den du gut überblicken kannst, und in dem du dein „Basislager“ einrichtest, um dich zu erholen – und von dort aus unternimmst du deine Ausflüge „nach draußen“…

    Ich habe über meine Vorstellung von einer Komfortzone hier schon mal gebloggt: http://stille-staerken.de/die-komfortzone-was-ist-das-eigentlich/
    Vielleicht hast du ja Spaß daran, dir deinen „engeren Kreis“ auch bildlich vorzustellen…?

  2. Oh wie sehr ich das alles nachvollziehen kann. Mein Kreis ist auch riesig geworden und irgendwie schrecklich unübersichtlich und hält unglaublich viele Fettnäpfchen für mich bereit. Immer dann, wenn ich mal wieder versuche ganz viel Anlauf zu nehmen.

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